Auf der nebelverhangenen Bühne zeichnen sich vier Lichtkegel ab. Ein junger Mann dreht Runde um Runde, setzt mechanisch einen Fuß vor den anderen, die schweren Absätze seiner Stiefel drücken sich in den Boden. Es gesellen sich fünf Gestalten zu ihm, die Gesichter weiß und die Münder als rote Fratzen geschminkt. Sie folgen dem Mann, schleichen hinter ihm her und sprechen in einem anschwellenden Chor die Worte: „Ein Mann kommt nach Deutschland…“.

von Larissa Plath

„Was heißt das, aus der Zeit fallen?“ Ausgehend von dieser Überlegung ergießt sich ein Redestrom aus Fragen, Reflexionen und Wortabwägungen, vorgebracht von drei Frauen und einem Mann, mal abwechselnd, mal chorisch, immer vielstimmig. Am Anfang noch als vier still sitzende Schattenfiguren hinter einer Reihe milchiger, halbhoher Leinwände verborgen, treten sie hervor, um die Zeit in eine Ordnung zu bringen, um ihre Geschichten und damit sich selbst zu erzählen.

von Larissa Plath

von Larissa Plath

Sie ist das Mädchen, das schon immer im Freien übernachtet hat. Isa: Naturkind, Vagabundin, eine Romantikerin im ursprünglichen Sinn. Sie schafft sich ihren eigenen Mikrokosmos, der im Einklang mit dem großen Ganzen steht – Tag und Nacht, Sonne und Sterne, Lebenswelt und Universum. Lesern von Wolfgang Herrndorfs Kultroman Tschick ist die impulsive 14-Jährige als außergewöhnliche Nebenfigur bekannt, mit seinem postum veröffentlichten Romanfragment Bilder deiner großen Liebe widmete ihr der Autor eine eigene Geschichte. Isa ist der Mittelpunkt dieser Road-Novel-Variation, die in der Fassung von Robert Koall viele Bühnen erobert hat und derzeit unter der Regie von Barbara Büchmann am Schauspiel Wuppertal zu sehen ist.

von Larissa Plath

Beschwingte Jazzmusik erklingt, Projektionen bunter 50er-Jahre Werbeplakate erscheinen auf einer Seitenwand des Bühnenbildes, davor spielt sich eine slapstickartige Szene ab: Und schon ist man mittendrin im New Yorker Stadtteil Brooklyn und in der Welt des kleinen Cedric Errol (Julia Meier), irgendwo zwischen seinem Zuhause und den Geschäften seiner Freunde Mr. Hobbs (Martin Petschan) und Dick (Andreas Rother). „Die Aristokratie ist unser aller Unglück“, bemerkt der Gemischtwarenhändler Hobbs während seiner täglichen Zeitungslektüre, nicht ahnend, dass es seinem Kumpel Ceddie bestimmt ist, in nicht allzu ferner Zukunft sein Erbe als Lord und zukünftiger Graf von Dorincourt anzutreten.

von Larissa Plath

„Es ist besser, sie nicht anzusehen.“ Mit „sie“ sind die Opfer eines mordenden Mutter-Tochter-Gespanns gemeint, welches sein abgeschiedenes Hotel nutzt, um wohlhabende männliche Gäste ins Jenseits zu befördern und sich auf diese Weise zu bereichern. Was die namenlose Mutter (Julia Wolff) ihrer Tochter Martha (Lena Vogt) gegenüber nüchtern feststellt, ist nur eine von vielen, in ihrer teilnahmslosen Kälte so erschreckenden Aussagen, die im Laufe des Stücks folgen sollen. Das grausame Handeln dient der eigenen Rettung in eine vermeintlich bessere Zukunft, aber am Ende scheitern beide an ihrem Unvermögen, sich der Realität zu stellen.

Hinter den Kulissen von Oper, Schauspiel und Sinfonieorchester laufen die Vorbereitungen für die kommende Spielzeit: Ein genauer Blick auf das Programm lohnt sich! Und wer bei all der Vorfreude nicht bis zur ersten Aufführung warten möchte, kann sich schon am 08. September beim Theaterfest im Opernhaus und während der abendlichen Gala auf die Spielzeit 2019/20 einstimmen.

von Larissa Plath

von Larissa Plath

Eine zweigeteilte, weiß grundierte Leinwand, darauf eine unregelmäßig verwischte, blutrote Farbfläche, auf der sich dunkle Schatten abzeichnen. Vor diesem Hintergrund stehen nebeneinander aufgereiht acht glatzköpfige, in hautfarbene Trikots gekleidete Gestalten, deren Stille im Kontrast zu dröhnenden, verzerrten Klängen elektronischer Musik steht. Während die letzten Zuschauer ihre Plätze suchen, setzen sich die merkwürdigen Figuren in Bewegung: verzerrte Mimik, sich windende Körper, zuckende Arme und Beine. Mit den Worten „Now is the winter of our discontent“ werden die ersten Zeilen aus Richards Anfangsmonolog rezitiert; nach und nach stimmen die anderen in den nun mehrsprachigen Kanon ein, wiederholen die Verse auch auf Deutsch. Durch die Zuschauerreihen bahnt sich eine weitere Gestalt den Weg nach vorne auf die Bühne.

von Victoria Steffen und Larissa Plath

Wie ein Pflanzensetzling ragt ein Männerkopf aus dem Bühnenboden – mehr ist auf den ersten Blick in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Aus einem viereckigen Loch schält sich der dazugehörige Körper, nur um im darauffolgenden Moment kopfüber im nächsten Loch zu verschwinden. Aus diesem zwängt sich wiederum ein weiblicher Oberkörper. Otto (Stefan Walz) legt sich ins Zeug, doch Hildes (Maresa Lühle) anfängliches Stöhnen schlägt schnell in Gelächter um: „Jetzt lass gut sein!“. Der nächste Tag sei eh schon anstrengend genug, da spare man sich lieber die Kräfte. Ein wohl allzu üblicher Vorgang im Hause Holdenrieder. Wenn’s nach Otto ginge, würde man den wohlverdienten Feierabend in trauter Zweisamkeit deutlich aktiver gestalten. Bitterböse und sozialkritisch: In den Werken von Franz Xaver Kroetz liegen Komik und Tragik eng beieinander. Mit Der Drang bringt das Wuppertaler Schauspiel nun eines der späteren Stücke des bayerischen Dramatikers auf die Bühne.

von Larissa Plath

Jimmy Porter ist zornig. Seine Wut richtet sich gegen alles und jeden, vor allem aber gegen den Zustand der Nachkriegsgesellschaft im England der 1950er Jahre. „Sehr früh habe ich gelernt, was zornig sein heißt – zornig und hilflos. Und ich kann das nicht vergessen“, resümiert Jimmy. Dass seine Frau Alison der oberen Mittelschicht und nicht wie er selbst der Arbeiterklasse angehört, sorgt für ständige Konflikte. Auf engstem Raum leben die beiden zusammen, mehr gegen- als miteinander, sie die Zielscheibe seiner Tiraden und er das Zentrum, um das sich alles dreht.

IMG_7799von Julia Wessel

Wie spielt man Hitler richtig? Ist es pietätlos, direkt danach einen KZ-Häftling darzustellen? Und darf man über Joseph Goebbels lachen? Diese und noch existenziellere Fragen stellen sich drei Schauspieler, die auf den Beginn einer Talkshow warten. Sich an ihren Rollen messen. Im Gespräch kommen die Gesichter dahinter zutage, alte und neue Schauspieltraditionen treffen aufeinander. Dann: Lichtwechsel. Zwei alternde Schauspielerinnen verhandeln zwischen TV und Theater, eingefahrenen Geschlechterrollen und dramatischen Abgängen.