„Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert“, schrieb einst der russische Schriftsteller Anton Tschechow. In Edward Albees zum modernen Klassiker avancierten Ehekrieg-Stück kommt körperlich niemand zu Schaden – das Gewehr, mit dem George auf seine Frau Martha und die beiden Gäste zielt, entpuppt sich an diesem Abend als Regenschirm –, dass die Konfrontation eine ganz eigene zerstörerische Kraft entwickelt, ist hinlänglich bekannt. Wer hat Angst vor Virginia Woolf? wurde 1962 uraufgeführt, ist zigfach adaptiert worden und taucht regelmäßig auf Spielplänen auf. Warum Albees Stück trotzdem noch immer zu fesseln vermag, demonstriert die aktuelle Inszenierung des Wuppertaler TalTonTHEATERS.

von Larissa Plath

„Denker. Macher. Wuppertaler.“ – das Friedrich Engels gewidmete Motto des Jubiläumsjahres ENGELS 2020 würde sich wohl auch Wilhelm Dreißiger ohne zu zögern auf die Fahne schreiben, wenn es darum geht, sich selbst zu charakterisieren. Als Kopf von „XXX Dreißiger Logistics“ weiß er die Leitsätze seiner Unternehmensphilosophie unter die Leute zu bringen – sei es in Form von unübersehbaren Werbebannern („Work hard. Have fun. Make history.“) an der Fassade des Opernhauses oder pseudo-authentischen Imagefilmen, in denen sich seine betont heiteren Angestellten über ihre Arbeit bei Dreißiger Logistics äußern und Bürger*innen den dadurch entstandenen Mehrwert für die Stadt bekräftigen. Aus Hauptmanns Fabrikant ist ein visionärer Jungunternehmer geworden, statt ins Industriezeitalter des 19. Jahrhunderts führt Martin Kindervaters Inszenierung die Weber ins digitale Zeitalter der Gegenwart. Dorthin, wo Logistikbranche und Online-Handel nicht erst in diesen Tagen die Gewinner sind und soziale Ungleichheit an der Tagesordnung ist.

von Larissa Plath

Friedrich Engels hielt seine „Elberfelder Rede“ 1845, Gerhart Hauptmanns Stück Die Weber erschien 1892. Beide thematisieren die soziale Frage, prangern die negativen Auswirkungen des Industriezeitalters und die prekären Lebensumstände von weiten Teilen der Bevölkerung an. Wie lässt sich die soziale Frage vor diesem Hintergrund im Hier und Jetzt in Wuppertal stellen? Diesem Gegenstand widmet sich das Schauspiel Wuppertal im Jubiläumsjahr ENGELS 2020 mit seiner Inszenierung von Hauptmanns Die Weber.

von Larissa Plath

„Was ist ein spannendes Thema, Sokrates?“ Die Antwort des griechischen Philosophen folgt umgehend: „Die Liebe!“ Da können Platon, Aristophanes und die anderen anwesenden Denker nur zustimmen. Und wie sollte man sich diesem spannenden Thema besser nähern, als mit Shakespeares Drama Romeo und Julia, dem Inbegriff der alle Hindernisse überwindenden Liebe? Dem einleitenden Szenario in Anlehnung an Platons Symposion folgt eine assoziativ komponierte Inszenierung unter der Regie von Nicolas Charaux, der den zuweilen überstrapazierten Tragödien-Klassiker als zeitgemäßes Bildtheater präsentiert.

von Larissa Plath

Gottfried Benn bezeichnete ihn als „den gewaltigsten Gedankenstrich der deutschen Literaturgeschichte“: An entscheidender Stelle gesetzt, wird das simple Satzzeichen in Heinrich von Kleists Novelle Die Marquise von O…. zur bedeutungsschwangeren Leerstelle. Deren Tragweite offenbart sich erst später, so auch auf der Bühne im Theater am Engelsgarten, wo die eigentliche Bedeutung der Auslassung im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln liegt. Just im kritischen Moment gehen die Lichter aus, Warteschleifenmusik dudelt im Hintergrund, all das geschieht en passant, bis die Erzählung wieder aufgenommen wird – und das Publikum im Laufe dieses ersten Premierenabends der neuen Spielzeit erfährt, was sich zugetragen hat.

von Larissa Plath

Ein Gespräch mit Dramaturgin Barbara Noth

Endspurt: Derzeit wird noch geprobt, in knapp einer Woche schon startet das Schauspiel Wuppertal mit der Premiere von Heinrich von Kleists Die Marquise von O… in die Spielzeit 2020/21. Nach der langen Pause folgt zum Saisonbeginn praktisch im Wochentakt eine Premiere und Wiederaufnahme auf die nächste. Ein straffer Zeitplan, aber vielleicht gerade jetzt auch ein Zeichen. „Corona hat in der Substanz getroffen“, so die Dramaturgin Barbara Noth. Und sie weiß auch: „Die Schauspieler wollen wieder spielen“.

von Larissa Plath

Ein Gespräch mit Regisseur Jens Kalkhorst

Zurück auf Anfang – gerne würde man den Titel dieser Gesellschaftskomödie, die das TalTonTHEATER (TTT) in der kommenden Spielzeit im Programm hat, als Motto für die gesamte Theatersaison nehmen. Außer Frage steht, dass die Spielzeit 2020/21 alles andere als eine Rückkehr zum gewohnten Theaterbetrieb bringen wird. Die Unwägbarkeiten bleiben – bis zum Beginn der Saison (toi, toi, toi) und darüber hinaus. Das Wuppertaler TTT startet am 12. September mit der ersten Premiere. Trotz allem zeigt sich Regisseur Jens Kalkhorst zuversichtlich: „Es wird eine spannende Spielzeit.“

von Larissa Plath

„Was heißt das, aus der Zeit fallen?“ Ausgehend von dieser Überlegung ergießt sich ein Redestrom aus Fragen, Reflexionen und Wortabwägungen, vorgebracht von drei Frauen und einem Mann, mal abwechselnd, mal chorisch, immer vielstimmig. Am Anfang noch als vier still sitzende Schattenfiguren hinter einer Reihe milchiger, halbhoher Leinwände verborgen, treten sie hervor, um die Zeit in eine Ordnung zu bringen, um ihre Geschichten und damit sich selbst zu erzählen.

von Larissa Plath

„Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen“ – so lautet der verheißungsvolle Untertitel von Else Lasker-Schülers Mein Herz, einem avantgardistischen Briefroman, der 1923 erstmals erschien. Das Werk der Wuppertaler Dichterin steht im Mittelpunkt eines Programms, in dem die Schauspielerin Martina Gedeck und die Musiker Avi Avital und Dávid Adorján Wortkunst, Darstellung und Musik vereinen. An keinem geringeren Ort als im Herzen Elberfelds, Else Lasker-Schülers Geburtsstadt, fand an einem Abend Ende Dezember der titelgebende „Aufbruch in die Moderne“ statt.

von Larissa Plath