Rezensionen zum Kolloquium Teil 1

Sibylle Berg – GRM

Die Erzählung von Sibylle Berg findet in sieben Hochhäusern, auch Seven Sisters genannt, in Rochdale und Liverpool statt. Die Handlung von dem Roman GRM –Brainfuck umfasst rund zwei Jahrzehnte und führt über das Jahr 2019 hinaus, in eine Zeit, als „der Brexit nur noch Erinnerung war“. Die Protagonisten sind vier Kinder, die an ADHS oder Autismus, Albinismus und am Hutchinson-Gilford-Syndrom leiden. Diese ADHS-Kinder befinden sich in dem Jahrtausend, das selbst „eine Überschrift hat. Sie hieß. ADHS. Kursiv darunter stand: Wir ordnen den Scheiß jetzt neu.“ Die Protagonisten leiden nicht nur an ADHS, sondern auch an der Gewalt, die ihnen durch Eltern, Männer und die Gesellschaft zugefügt wird. Sie empfinden Wut und Ärger, die sich in Grime-Musik ausdrücken lassen. Grime stellt die Hoffnung in diese kaputte und verrückt gewordene Welt dar. Die Kinder, die leider keine Kinder mehr sind, haben die Aufgabe übernommen, außerhalb des Systems zu überleben, um nicht mehr verletzt zu werden. Sie starten eine Revolution gegen die Überwachungsdiktatur, gegen die von der IT-Mafia gelenkte Regierung, gegen das System, das diese Welt kaputt gemacht hat. 

von Shipra Tholia

Es war die Zeit, in der Facebook groß wurde. Es war die Zeit, in der zur realen Grausamkeit der Menschen noch die virtuelle hinzugefügt wurde. Es war die Zeit vor irgendetwas. Es ist ja immer die Zeit vor irgendwas.

Sibylle Berg beginnt den Roman GRM – Brainfuck im klassischen Stil eines auktorialen Erzählers, in dem sie die Erzählung mit dem Ausdruck „es war die Zeit“ wiedergibt. Aber bald nimmt sie die Rolle einer Überwachungskamera ein, die durch einen 3600-Blick die Geschichte von Don, Hannah, Karen und Peter aufnimmt und diese wie eine Maschine in unvollendeten Sätzen sowie in gebrochenen Absätzen darlegt. Bevor ein neuer Charakter eingeführt wird, wird ein kurzes Profil von ihm oder ihr erstellt. Die Einführung eines neuen Charakters durch das Profil scheint, als würde die Erzählerin durch ihre Bodycam-Brille alles sehen.

Die Autorin zeichnet ein Panorama von Wut, Ärger, Arbeitslosen und Obdachlosen, Flüchtlingen, Leuten mit fehlenden Gliedmaßen, schlechten Augen, Alkoholikern, Junkies usw. Ein Bild von den unterprivilegierten und ausgegrenzten Menschen, die sich nicht an die Gegebenheiten der Märkte anpassen. Sie übt eine starke Kritik an der Privatisierung des Gesundheitssystems, der Bildung und der Sozialhilfe aus.  

Keine Lehrstelle bekommen, auf Ämtern sitzen und Sozialhilfe beantragen, keine Sozialhilfe bekommen, weil irgendein Papier fehlt; ihre Mutter erhängt zu Hause vorfinden, die Wohnung verlieren, in eine Art Junge-Frauen-Heim kommen, schwanger werden von irgendwem, verprügelt werden, weil sie schwanger geworden ist, das Kind zur Adoption freigeben, oder auch nicht, es ist egal.

Weder die Erfindung des Hasses der USA nach den Anschlägen am 11. September 2001, noch der Ekel der Königin gegenüber „non-pink“ Menschen, noch der Überwachungsdienst MI5, noch Brexit bleiben von Sibylle Berg unberührt. GRM – Brainfuck ist eine Kritik an der Gesellschaft, in der Selbstmord von Online-Freunden auf der „Trauminsel“ beobachtet und gefeiert wird. Die „Trauminsel“ ist ein Online-Forum, das den Menschen hilft, Selbstmord zu begehen. Auf der einen Seite stellt Sibylle Berg eine futuristische Gesellschaft dar, in der Chips in den menschlichen Körper eingepflanzt werden, um die Menschen für ein Grundeinkommen in Cyborgs zu verwandeln. Es werden alle Daten gespeichert, um neue Apps für den Markt zu erstellen. Auf der anderen Seite schildert sie eine gegenwärtige Gesellschaft, wo die Vergewaltigung von Mädchen und Jungen, perverse reiche Männer, in Urin steckende Kinder, verantwortungslose Eltern, Waisenkinder, Hunger und Depressionen überall herrschen. Um die Grausamkeit und den Schmerz auszublenden, gibt es Fernsehserien. Mit der Serie beschäftigt man sich und vergisst, dass das eigene Leben stagniert.

Eine Gesellschaft, in der Menschen sich in TV-Stars verlieben und sich mit „clicking Selfies“ die sogenannte „Arbeitsbeschäftigung“ beschäftigen. Die Erzählerin kritisiert die Sammlung von Punkten für 10000 Schritte, für gutes Benehmen, für kein Überqueren der Straße bei rotem Licht und für freundliches Grüßen. Sie verhöhnt das Leben der Menschen in Boxenhotels, in einer Art von Schließfächern, und das Prinzip, Urlaub zu machen als Belohnung für ein beschissenes Leben.

Das Alles passiert nicht in einem Land der Dritten Welt, sondern im Königreich England also auf der „Trauminsel“. Sibylle Berg lacht über den Brexit, weil die „Ausländer“ britische Pässe besitzen und immer noch da sind. Der Ausstieg aus der EU hat NICHTS gebracht.

„Brainfuck“ ist der Name einer Programmiersprache, die der reale Schweizer Informatiker Urban Müller im Jahr 1993 erfand. In ähnlicher Weise wie in der Computersprache, erzählt der Roman die Geschichte dadurch, dass zwischen den Absätzen fettgedruckte Worte auftauchen, Schrift verändert wird und lange Absätze auftreten, die nur Zeichen ++++[—-<… ]> beinhalten, fast wie ein Gedanken-Ton-Experiment von einem der Programmierer im Roman. Der fiktive Charakter EX2279, der sich nur in die Programmiersprache „Brainfuck“ ausdrückt und keine Worte verwendet, kann auch als Vertreter der Computersprache betrachtet werden. Auf den Seiten 213 bis 216 wird die Darstellung der Beschleunigung der Zeit von einem Computerwissenschaftler und KI-Entwickler durch die „Brainfuck“-Sprache im Roman umgesetzt. Auf diese Weise erzeugt Sibylle Berg durch die Kombination von Computersprache und literarischem Sprachstil einen Rhythmus, der an Grime-Rap erinnert.

GRM – Brainfuck ist kein Buch, das sich als eine Gutenachtgeschichte lesen lässt, sondern eines, das die Grenzen der Textgattung Roman überschreitet. Es hat Elemente von Science-Fiction, da die Charaktere durch Registrierungschips eher mit Cyborgs gleichzusetzen sind, hinter jeder Sache steckt eine große Maschine und der Mensch scheint nur ein Sklave der Technologie zu sein. Mit dem Endgerät verbringen die Menschen mehr als sechs Stunden am Tag und laden die Updates herunter. Einige haben sich smart-homes für Bürgerpunkte eingerichtet. Das Verhalten und die Emotionen werden kontrolliert und überwacht. Ihr Nutzen hängt von ihrer Kaufkraft ab. Der Charakter Thome hat sich auf seine Füße elektronische Haut implantieren lassen. Eine Welt, in der selbst der Premierminister ein virtueller Avatar ist. Eine Online-Regierung, die die Gesellschaft reguliert. Es wird keine wirklichen Kriege geben, sondern nur Hacking.

GRM – Brainfuck umfasst 634 Seiten, auf denen immer wieder neue Charaktere fast wie neue Produkte eingeführt werden. Es tauchen die Charaktere wie der ehrliche Mann, der durchschnittliche Engländer, Jobnomaden, Kurierfahrer, der schwitzende Mann, der Bodycam-Mann usw. auf. Bei vielen Charakteren ähnelt ihre Belanglosigkeit in der Erzählung ihrer Bedeutungslosigkeit auf dem Markt.

Das Buch stellt zwar eine Zukunftsvision dar, aber mit der zeitgemäßen Themenauswahl, die unsere Gegenwart betrifft, hält die Erzählerin dem Leser den Spiegel vor. Sibylle Berg legt den Finger dahin, wo es wirklich weh tut.

In ihren Worten:

Das ist der Untergang der Leute,

der jetzt schon viel zu lange geht,

     das ist die Welt der lebenden Toten.


Lars Lenth – Der Lärm der Fische beim Fliegen

Der Krimi der Lärm der Fische beim Fliegen erschien ursprünglich 2015 in Norwegen mit dem Titel „Brødrene Vega“. Der Lärm der Fische beim Fliegen ist ein eher ungewöhnlicher Krimi, der nicht damit beginnt, dass jemand ermordet wird, sondern Fische freigelassen werden – und zwar 200000 fette Prachtexemplare des Salmo salar.

von Shipra Tholia

Der Erzähler fängt die Schilderung der grandiosen Fjordlandschaft Nordlands in diesem Krimi aus der Perspektive von Torvald Vega an, der weder Kunst noch Mysterien in der Natur sieht, sondern nur Hindernisse. Torvald schätzte seine silbern glänzenden Lachse mehr als sich selbst. Eine detaillierte und angemessene Beschreibung von einer Lachsfarm im Velfjord in Nordnorwegen verleiht der Erzählung eine gewisse Ländlichkeit. Der Erzähler übt Kritik, nicht nur an der menschlichen Gier und der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, sondern auch an den „so genannten“ Umweltaktivisten, die nie auf einem Bauernhof gelebt haben.

Der Krimi nimmt Themen wie Umwelt, Ökoterrorismus und Lachszucht in Anspruch, aber der Leser findet keine Absätze, die sich wirklich mit dem Thema Umweltschutz beschäftigen. Es kommen zwar die Lachsfischer und Umweltschützer vor, die besorgt waren, „weil der Schädling für junge Wildlachse, die auf dem Weg von den Flüssen ins offene Meer unweigerlich an den Farmen vorbeischwammen, tödlich war.“ Der Erzähler versucht vielleicht, Zeit zu sparen, indem er sich nicht auf eine heftige Diskussion über Umwelt einlässt.

Ein Krimi erfordert einen Anwalt, der das Rätsel lösen kann. Leo Vangen ist der Charakter, der das Geheimnis lüftet. Wird der Rechtsreferendar Leo Vangen, der immer noch kein Volljurist ist und einen Hungerlohn und ein lausiges Büro im hässlichsten Gebäude von Lilleaker hat, herausfinden, wer hinter dem Anschlag steckt? Waren es die eigenen Mitarbeiter, lokale Tierschützer oder sogar ganz andere Ökoterroristen, so wie Umweltfaschisten? Dem Leser wird wunderbar durch kleine Kapitel mitgeteilt, wer es war. Der Leser versteht es relativ schnell, ganz im Gegensatz zu den Vega-Brüdern. Sie verdächtigen, wen sie wollen und ziehen für sich die richtigen Schlüsse. Dies erhöht die Spannung und das Interesse. Obwohl die Spannung an den Frauenfiguren scheitert: Der Krimi hat sehr schwach geschilderte weibliche Charaktere, die weder stark noch ansprechend sind.

Dem Erzähler ist es gelungen, die Spannung eines Krimis in der Handlung zu behalten, dadurch dass er den Dialogstil zum Einsatz bringt. Das Besondere an einem Dialogstil ist, dass der Leser sich direkt darüber informiert, was die Figuren sagen. Niemand kommentiert oder vielmehr erklärt dem Leser, was die Kernaussage ist. Der Leser muss selbst überlegen und die Verhaltensweise der Figuren verstehen. Beim Dialogstil kommen ausschließlich die handelnden Figuren und ihre Sprache bzw. Dialekte vor. Das heißt, dass der Leser Mitteilungen über die handelnden Figuren nicht nur dadurch bekommt, was sie sagen, sondern auch dadurch, wie sie etwas ausdrücken. Der Krimi der Lärm der Fische beim Fliegen liest sich leicht und schnell, obwohl der norwegische Humor der internationalen Leserschaft nicht so viel Spaß macht.

Die Texte sind im Rahmen des Begleitseminars zum Kolloquium Literarische Neuerscheinungen im Sommersemester 2020 entstanden.