Bis ins Mark: Das TalTonTHEATER inszeniert „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“

Martha (Angela del Vecchio) und George (Jens Kalkhorst) beim Ehekrieg. Foto: Joachim Schmitz

„Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert“, schrieb einst der russische Schriftsteller Anton Tschechow. In Edward Albees zum modernen Klassiker avancierten Ehekrieg-Stück kommt körperlich niemand zu Schaden – das Gewehr, mit dem George auf seine Frau Martha und die beiden Gäste zielt, entpuppt sich an diesem Abend als Regenschirm –, dass die Konfrontation eine ganz eigene zerstörerische Kraft entwickelt, ist hinlänglich bekannt. Wer hat Angst vor Virginia Woolf? wurde 1962 uraufgeführt, ist zigfach adaptiert worden und taucht regelmäßig auf Spielplänen auf. Warum Albees Stück trotzdem noch immer zu fesseln vermag, demonstriert die aktuelle Inszenierung des Wuppertaler TalTonTHEATERS.

von Larissa Plath

Die Grundaufstellung des bitterbösen Gesellschaftsspiels lautet wie folgt: Da sind zum einen Martha und George, ein gut situiertes Akademikerpaar und seit 20 Jahren verheiratet. Er ist Geschichtsdozent, sie die Tochter des College-Rektors. George muss Marthas Vorhaltungen und die ständigen Vergleiche mit ihrem erfolgreichen Vater ertragen, sie leidet unter ihrem unerfüllten Kinderwunsch und ertränkt ihren Kummer in Hochprozentigem. Wenn es darum geht, den inzwischen ritualisierten Rosenkrieg auszutragen, folgen Martha und George ihren eigenen Regeln – alles scheint erlaubt, solange es den anderen nur trifft. Sie zögern auch nicht, ihren Streit vor Publikum auszufechten. So auch in dieser Nacht, als sie nach einem Empfang am College zu später Stunde Besuch von Nick und seiner Frau ‚Süße‘ bekommen und das nichtsahnende junge Paar nacheinander zu Zeugen, Werkzeugen und Mitspielern machen.

Albees pointierten Text wird in der Inszenierung von Regisseur Jens Kalkhorst viel Raum gelassen, sich zu entfalten, und das Ensemble weiß das Dialogfeuerwerk zu zünden: Mit Tempowechseln, großer Spielfreude und nicht zuletzt mit einer beeindruckenden Textsicherheit, bei der Spitzen in jeder Tonlage zielsicher abgefeuert werden. Es gibt kurze Momente der Ruhe, der Annäherung zwischen Martha und George, joviale Männergespräche, komische Momente, bevor die instabile Gemütslage sich ändert und die Stimmung schon im nächsten Augenblick kippt. Jeder Schlag ist wohl platziert in diesem ehelichen Schaukampf, hinter all den Boshaftigkeiten und Demütigungen lassen die Darsteller*innen immer wieder tiefer liegende Motive ihrer Figuren aufscheinen.

Martha und George wirken wie Gefangene in den selbst konstruierten Geschichten und Illusionen, die ihre Ehe bestimmen. Blanke Eisenstäbe umgeben die Bühne wie Gitterstäbe eines Käfigs, an der hinteren Wand hängen Teile von Drahtzäunen. Eine sofaähnliche Sitzgelegenheit in der Mitte ist von zerbrochenen Schallplatten, Geschirr, Bilderrahmen und anderen Bruchstücken umgeben, gleich dahinter befindet sich die Hausbar immer in Reichweite. So sieht er aus, der eheliche Kriegsschauplatz. Am Ende des Abends, nachdem die mühevoll aufrecht erhaltene Fassade des gemischten Doppels nicht nur bröckelt, sondern einstürzt, gleicht das Wohnzimmer einem Schlachtfeld.

Gemischtes Doppel mit Partnerwechsel (v.l. Jens Kalkhorst, Moritz Heiermann, Angela del Vecchio, Svenja Dee).
Foto: Joachim Schmitz

Dass Albees nervenzehrendes Stück mit zweieinhalb Stunden Spielzeit nicht langatmig wirkt, liegt an der durchweg starken Darstellung des vierköpfigen Ensembles. Vor allem Angela del Vecchio und Jens Kalkhorst nehmen vom ersten Moment an die Bühne ein, entwickeln eine eigene Dynamik und liefern ein intensives Zusammenspiel als hassliebendes Paar. Martha ist selbstbewusst und provozierend, sie fordert und attackiert, sie tänzelt und umgarnt, kann in einer Sekunde charmant und in der nächsten boshaft sein. George wird von seiner Frau in die Versagerrolle gedrängt, ist ihr aber ebenbürtig. Sein Zynismus, seine oft hintergründigen Angriffe treffen ins Zentrum, mit seiner betonten Gleichgültigkeit weiß George Martha zutiefst zu verletzten. Auch Svenja Dee und Moritz Heierman spielen im Laufe des Abends gehörig auf und zeigen verschiedene Facetten ihrer Figuren. Die Wandlung des jungen Paares von Zaungästen zu Mitspielern vollzieht sich glaubwürdig, Nick und Süße sind hier mehr als bloße Typen.

Am Ende sacken Martha und George erschöpft in sich zusammen, sie lehnt den Kopf an seine Schulter. „Wer hat Angst vor Virginia Woolf…?“, singt George leise. „Ich George, ich…“, antwortet Martha. Vielleicht ist es nur die Ruhe vor dem Sturm, eine Atempause, bevor der Schlagabtausch in die nächste Runde geht. Vielleicht sind die zerstörten Illusionen aber auch ein Befreiungsschlag für ihre Beziehung, verbunden mit einem kleinen Hoffnungsschimmer.


Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
von Edward Albee

Termine im TalTonTHEATER:

Sa. 14. November 2020 20:00 Uhr
So. 15. November 2020 18:00 Uhr
Sa. 06. Februar 2021 19:30 Uhr
So. 07. Februar 2021 18:00 Uhr
Fr. 12. Februar 2021 19:30 Uhr
Sa. 13. Februar 2021 19:30 Uhr

Tickets für die kommenden Vorstellungen sind online erhältlich
                    

Regie: Jens Kalkhorst
Co-Regie: Benjamin Breutel
Assistenz: Linda Dörr, Kira Steffens
Maske: Sandra Krämer
Bühne: Rüdiger Tepel

Besetzung:

Angela del Vecchio: Martha
Jens Kalkhorst: George
Svenja Dee: Süße
Moritz Heiermann: Nick