Albtraumhafte Rückkehr: Das inklusive Schauspielstudio inszeniert Borcherts „Draußen vor der Tür“

Foto: Uwe Schinkel

Auf der nebelverhangenen Bühne zeichnen sich vier Lichtkegel ab. Ein junger Mann dreht Runde um Runde, setzt mechanisch einen Fuß vor den anderen, die schweren Absätze seiner Stiefel drücken sich in den Boden. Es gesellen sich fünf Gestalten zu ihm, die Gesichter weiß und die Münder als rote Fratzen geschminkt. Sie folgen dem Mann, schleichen hinter ihm her und sprechen in einem anschwellenden Chor die Worte: „Ein Mann kommt nach Deutschland…“.

von Larissa Plath

„Ein Mann kommt nach Deutschland“ – so der Originaltitel von Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Stück Draußen vor der Tür, das der 26-jährige, vom Krieg schwer gezeichnete Borchert 1947 innerhalb von acht Tagen auf dem Krankenbett schrieb. Das Drama wurde zunächst als Hörspielversion vom Nordwestdeutschen Rundfunk gesendet. Wolfgang Borchert sollte die Umsetzung auf der Bühne nicht mehr erleben, er starb einen Tag vor der Uraufführung an den Hamburger Kammerspielen. Als Vertreter der sogenannten Trümmerliteratur zählt der 1921 in Hamburg geborene Borchert noch heute zu den bekanntesten Autoren der Nachkriegszeit. Wie sein Protagonist, der junge Soldat Beckmann, war auch er „einer von denen, die nach Hause kommen“. Was die Zurückgekehrten vorfanden, war eine Umgebung, die ihnen fremd erschien, eine Lebenswelt, die angesichts der existenziellen Grenzerfahrung von Krieg, Gefangenschaft und Tod ihre Bedeutung verloren hatte.

Ausgeschlossen aus einer Gesellschaft, in der die bürgerliche Ordnung eingekehrt ist, will Beckmann (Kevin Wilke) seinem Leben ein Ende setzen. Die äußerlichen Relikte des Krieges trägt er noch immer bei sich, der lange Soldatenmantel und die Gasmaskenbrille heben ihn von den anderen ab. Beckmann ist der Mann ohne Vorname, ein Jedermann, der für eine ganze Generation von Kriegsheimkehrern steht. Es dauert nicht lange, bis der Tod in Gestalt eines Beerdigungsunternehmers (Nora Krohm) die Bühne betritt und den lebensmüden Soldaten bei seinem Selbstmordversuch beobachtet. An den Tod glauben die Leute mehr als an Gott, dessen ist sich sogar Gott (Flora Li) selbst bewusst, der um all seine verlorenen Kinder weint und doch nichts tun kann, um sie zu retten.

Ein leerer Raum, Lichtwechsel von gelb-orange zu kühlem blau, dazu die grotesken Kostüme der überzeichneten, teils allegorischen Figuren: Zwischen Wirklichkeit und (Alb-)Traum changierend, verortet die Inszenierung des inklusiven Schauspielstudios in der Regie von Bardia Rousta Beckmanns vergebliche Suche nach Antworten in einer surrealen Zwischenwelt. Das Unwirkliche mag aus der Sicht des Publikums die Schwere des Stoffes mindern, nicht aber Beckmanns unerträgliche Last, die er nicht loswird. Und doch wiegt diese, zumindest für die Elbe (Yulia Yáñez Schmidt), in der sich Beckmann ertränken will, nicht schwer genug. „Du Anfänger“, ruft sie dem jungen Mann entgegen, „deine kleine Handvoll Leben ist mir verdammt zu wenig!“; entschieden wirft sie ihn zurück ans Ufer.

Beckmann irrt weiter durch den Nebel und trifft in einer lose verknüpften Abfolge von Szenen auf verschiedene Figuren, von denen ihm keine aus seiner Krise zu helfen vermag. Da ist das Mädchen (Hannah Holthaus), das mit ihm zusammen leben möchte, aber dessen kriegsversehrter Mann (Louis Dross) Beckmanns Gefühl der Schuld verstärkt. Da ist der Oberst (Nora Krohm), dem Beckmann die Verantwortung für einen Truppeneinsatz zurückgeben will, bei dem elf Mann ums Leben kamen. Da ist der Kabarettdirektor (Yulia Yáñez Schmidt), ein Mann, der Jugend, Kunst und Avantgardisten fordert, Beckmann gegenüber aber entgegnet, dass die Kunst mit der Wahrheit nichts zu tun habe. Da ist die Frau (Aline Blum), die im Haus von Beckmanns toten Eltern lebt. Und da ist der Andere (Jack Rehfuß), „der immer da ist“, der gestern und heute (und vielleicht auch morgen) vereint und in der Gestalt von Beckmanns Alter Ego allgegenwärtig ist.

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Im Zentrum des Geschehens: Beckmann und der Andere (v. l. Aline Blum, Hannah Holthaus, Jack Rehfuß, Kevin Wilke, Yulia Yáñez Schmidt). Foto: Uwe Schinkel

„Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“ nannte Borchert Draußen vor der Tür im Untertitel – das klare Gegenteil beweist die durchweg starke Darstellung der Schauspieler*innen in dieser ersten Produktion des inklusiven Schauspielstudios. Seit Oktober 2019 haben Menschen mit Handicap die Möglichkeit, über drei Jahre hinweg professionellen Unterricht in schauspielerischen Bereichen wie Stimmbildung und Szenenstudien zu nehmen, mit anderen Ensemblemitgliedern zusammenzuarbeiten und Bühnenproduktionen zu erarbeiten. In Kooperation mit der Glanzstoff-Akademie der Inklusiven Künste und der Kölner Schauspielschule ‚Der Keller‘ realisiert, wird Wolfgang Borcherts sprachlich dichte Vorlage in einer eindringlichen, phantastischen Inszenierung auf die Bühne im Engelsgarten gebracht. Der Verzicht auf ein Bühnenbild legt den Fokus auf die einzelnen Charaktere und den individuellen Ausdruck, den ihnen die jeweiligen Ensemblemitglieder verleihen. Mittendrin Beckmann, eine Figur, die bei Borchert im Nachkriegsdeutschland verortet ist, die in ihrer Zeitlosigkeit jedoch damals und bis heute für all diejenigen steht, die sich nicht zugehörig fühlen, die vom Rest der Gesellschaft ausgeschlossen sind, am Rand stehen. Ihnen verleiht er eine Stimme.

Das letzte Bild führt zurück zum Anfang: Beckmann allein im Dunkeln, wie er Runde um Runde dreht. Jetzt liegt es an ihm, die entscheidenden Worte zu sprechen: „Ein Mann kommt nach Deutschland… Einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür…“.

 

Draußen vor der Tür
von Wolfgang Borchert

Eine Produktion des inklusiven Schauspielstudios
in Kooperation mit Glanzstoff-Akademie der inklusiven Künste e.V.
und in Zusammenarbeit mit der Schauspielschule ‚Der Keller‘

Gefördert im Rahmen von NEUE WEGE durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes in Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat

Termine im Theater am Engelsgarten:

Sa. 25. April 2020 19:30 Uhr
So. 26. April 2020 18:00 Uhr

Tickets für die kommenden Vorstellungen sind über die KulturKarte (0202 5637666) erhältlich. Nicht vergessen: Studierende der BUW erhalten nach Reservierung freien Eintritt!

Inszenierung & Bühne: Bardia Rousta
Kostüme: Silke Rekort
Dramaturgie: Elisabeth Wahle
Regieassistenz: Vanessa Stoll
Inspizienz: Jonas Willardt
Produktionsleitung: Peter Wallgram
Betreuende Assistentin: Sabrina Kaminski

Besetzung:

Kevin Wilke: Beckmann, einer von denen
Hannah Holthaus: ein Mädchen, dessen Mann auf einem Bein nach Hause kam
Louis Dross: ihr Mann, der tausend Nächte von ihr träumte
Nora Krohm: ein Oberst, der sehr lustig ist
Flora Li: seine Frau, die es friert in ihrer warmen Stube
Hanna Holthaus: die Tochter, gerade beim Abendbrot
Louis Dross: deren schneidiger Mann
Yulia Yáñez Schmidt: ein Kabarettdirektor, der mutig sein möchte, aber dann doch lieber feige ist
Aline Blum: Frau Kramer, die weiter nichts ist als Frau Kramer, und das ist gerade so furchtbar
Flora Li: der alte Mann, an den keiner mehr glaubt
Nora Krohm: der Beerdigungsunternehmer mit dem Schluckauf
Jack Rehfuß: der Andere, den jeder kennt
Yulia Yáñez Schmidt: die Elbe