2029 – Geschichten von morgen (Teil 2)

Wie sieht unsere Zukunft aus? Was können wir erwarten und was müssen wir befürchten? Diese Fragen stellten Manfred Hattendorf, Leiter der Abteilung Film und Planung beim SWR, und Christian Granderath, Leiter der Abteilung Fernsehfilm, Spielfilm und Theater beim NDR , elf der interessantesten Autor*innen unserer Zeit. In Zusammenarbeit mit Stefan Brandt, Direktor des im vergangenen September eröffneten Futuriums in Berlin, und dem Suhrkamp Verlag entstand so die Anthologie 2029 – Geschichten von morgen. Wir haben uns das Ergebnis einmal genauer angesehen und präsentieren hiermit die zweite Hälfte unserer Einschätzungen.

Den ersten Teil unserer Rezensionen von 2029 – Geschichten von morgen könnt ihr hier nachlesen.

 

Dirk Kurbjuweit – Das Haus (Kerstin)
In Kurbjuweits Erzählung bietet sich das Bild einer Gesellschaft, die ihre eigene Geschichte wiederholt. Johann ist Journalist und mit Lucia, einer erfolgreichen Anwältin, verheiratet. Nachdem die Regierung Johann mit einem Veröffentlichungsverbot belegt, zieht sich das Ehepaar in das gemeinsame Urlaubsdomizil auf einer Hallig in der Nordsee zurück. Doch das hochtechnisierte smart home ist nicht der sichere Hafen, für den die beiden ihn gehalten haben. Ganz im Gegenteil.

Kurbjuweit verknüpft kunstvoll Merkmale des Dritten Reichs mit Motiven dystopischer Science Fiction und einer klassischen Atmosphäre des Horrors. Die anfangs etwas schleppende Erzählung nimmt Fahrt auf, sobald sich das Haus als eigentlicher Hauptakteur entpuppt und das wahre Ausmaß der Bedrohung deutlich wird.

 

Leif Randt – SNOOZE (VERSION 2.7) (Ben)
SNOOZE, eine Internetplattform auf der User*innen ihre mithilfe eines speziellen Stirnbandes aufgezeichneten Träume in Form von Dreamdiaries zur Schau stellen, erfreut sich allgemeiner Beliebtheit. Auch der Protagonist der Erzählung ist dort aktiv, was die ohnehin schon ungleiche Beziehung zu seiner Freundin Maxi-Lena belastet. Die zwei haben nur spärlichen Kontakt, der durch Maxi-Lenas Reise nach Kanada zur Teilnahme an einer Schweigeklausur noch weiter eingeschränkt wird. Sie scheinen ihre gemeinsame “Textingebene“ verloren zu haben. Als der Protagonist, dessen Namen die Leser*innen nicht erfahren, seine Eltern besucht, merken auch die Schwester und ihr neuer Lebensgefährte Frank, dass die Beziehung der beiden zu kriseln scheint. Erst eine am Abend eingehende Freundschaftsanfrage auf SNOOZE weckt Hoffnung auf eine baldige Wiederannäherung des Paares.

Leif Randts Kurzgeschichte liest sich als Versuch, die Allgegenwärtigkeit virtueller Austauschplattformen durch die Verfügbarkeit modernster Techniken auf eine neue Ebene zu heben. Der Text stellt nicht nur implizit die Frage, wie sich soziale Beziehung unter dem Druck weiterer Social-Media-Angebote verändern, sondern passiert auch eine Grenze, die den eigenen Schlaf gegenwärtig noch als vom Internet freien Raum deklariert. SNOOZE (VERSION 2.7) greift bereits existierende Applikationen somit auf, ohne an Realitätsnähe zu verlieren. Das Leseerlebnis leidet jedoch unter der Tatsache, dass die Denkanstöße in eine nahezu ereignislose Handlung eingebettet sind und somit keinerlei Spannung aufkommt.

 

Clemens J. Setz – Die letzten Dinge (Larissa)
Robert, ein Student um die zwanzig, reist mit dem Zug von Österreich in die Schweiz. Sein Ziel ist der sogenannte „Breach-Bereich“, eine Art Durchgang, der durch ein „Strangelet-Ereignis“  entstanden ist. Die auf den ersten Blick recht sperrigen Begriffe sind den meisten wohl weniger geläufig, ein kurzes Nachschlagen hilft aber. „Strangelet“ bedeutet in der Elementarteilchenphysik so viel wie „seltsame Materie“. In Setz’ Kurzgeschichte geht von diesem Strangelet trotz der möglichen Gefahr (die Erde könnte eines Tages in der seltsamen Materie verschwinden) eine besondere Anziehungskraft aus. Eine osteuropäische Sicherheitsfirma namens „Tiraspol“ hat den Bereich auf dem ehemaligen CERN-Gelände zu einem wahren Besuchermagnet gemacht, es werden Busreisen organisiert, Pilgergruppen nehmen an Führungen teil und besuchen den Geschenke-Shop vor Ort. Robert kann diesem Event nicht besonders viel abgewinnen, schreibt immer wieder Nachrichten an seine Freundin Silke – eine Beziehung, die mehr als angespannt scheint – und hat ein kurzes Verhältnis mit einem Tiraspol-Mitarbeiter. Dann ein Zeitsprung: Fünfzehn Jahre später, Robert lebt mit seiner Frau Silke und dem zehnjährigen Sohn in Wien. Für Robert sind die Erinnerungen an damals nunmehr ein „Hidden Track“ in seinem Leben.

Die letzten Dinge lautet der Titel der Geschichte: Es geht um individuelle, bedeutungsvolle Momente, die mit der Zeit in Vergessenheit geraten, unwiederbringlich scheinen und gewissermaßen im „Strangelet“ verschwinden; und es geht um noch viel größere zukünftige Entwicklungen von Gesellschaft, Politik und Forschung. Setz bringt all das in sechzehn kurzen Abschnitten zusammen, schafft assoziative Verbindungen und lässt vieles offen.

 

Nis-Momme Stockmann – Das Fenster (Kerstin)
Die Welt in Stockmanns Version von 2029 ist der unseren gar nicht so fremd. Von der postulierten „absoluten Homogenität” der Gesellschaft in einem System, das erkannt hat, „dass es dumm war zu bestrafen und zu verbieten”, wo „[g]estatten und belohnen” sich als so viel einfacher erwiesen hatten, ist nur am Anfang die Rede. Ansonsten besteht die Menschheit aus Arschlöchern – beides sind Urteile von Greta, die besonders letztere Behauptung genau zu definieren weiß. Für den Leser entwickelt sich an ihrem Beispiel das Bild einer jungen Frau, die sich in einem Umfeld oberflächlicher Zufriedenheit bei sich gleichzeitig ausbreitender sozialer Kälte zur Außenseiterin und Einzelkäpferin stilisiert. Bis ihr Birk begegnet.

Dass Nis-Momme Stockmann, der sich als Theaterschreiber und -regisseur einen Namen gemacht hat und seit der Spielzeit 2009/2010 Hausautor am Schauspiel Frankfurt ist, weiß, wie man gute Geschichten und vor allem gute Dialoge schreibt, wird niemanden verwundern. Grund zum (Be-)Wundern bietet dagegen die beiläufige Leichtigkeit und Unaufgeregtheit mit der Stockmann nicht nur eine Geschichte über die Liebe schreibt, die das Herz in eine Schraubzwinge steckt, sondern nebenbei auch noch einen klugen, zum Nachdenken anregenden Beitrag zur Debatte um Identität und Bewusstsein im Zeitalter immer besser werdender künstlicher Intelligenz beisteuert.

 

Simon Urban – Nachspiel (Nadine)
Linus, Entwickler im Bereich Künstliche Intelligenz, sitzt in seinem Hotelzimmer in Tokio und wartet auf das Treffen mit einem chinesischen Geschäftspartner. Linus hat „Infinitalk” entwickelt – ein Tool, mit dem es möglich ist, mit seinen Verwandten oder Freunden zu telefonieren, auch wenn sie schon lange tot sind. Doch um es auf den Markt zu bringen, braucht es noch einiges an Verbesserungen. Sollte man der K.I. eines Toten zum Beispiel ermöglichen, weiterzuleben? So könnte der verstorbene Vater ein Leben „nach dem Tod” führen, das an Wahrscheinlichkeiten, Entscheidungen und Verhaltensmuster des realen Vorbildes gekoppelt ist, anstatt im ewigen Stillstand gefangen zu sein. Doch während Linus versucht, möglichst profitable Verhandlungen zu führen, kommt es immer wieder zu Streitigkeiten mit seiner Partnerin Nele, die ein dunkles Geheimnis mit sich herumträgt, welches ihr in Linus’ Abwesenheit besonders zu schaffen macht.

Simon Urbans Kurzgeschichte leidet unter einem Protagonisten, der sowohl politisch ziemlich unkorrekt auftritt als auch eine toxische Männlichkeit in der Beziehung zu seiner Freundin Nele offenbart. Nach und nach bröckelt dieser erste negative Eindruck jedoch zunehmends, wenn sich erste Verdachtsmomente beim Leser einschleichen und letzten Endes die große Wendung kommt – anschließend lässt sich wunderbar über das altbekannte Thema sinnieren, wie viel Geschichte und Persönlichkeit einer künstlichen Intelligenz zustehen bzw. gut tun würden.

 

Der Suhrkamp Verlag hat Auf der Höhe freundlicherweise ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.