„zwischen/miete nrw“: WG-Lesung in Wuppertal

Einladend steht sie da, die Schreibmaschine, vielleicht auch erwartungsvoll. Ein kurzer Blick genügt und man verspürt sogleich den Wunsch, ihre klackernden Tasten zu drücken, einen Buchstaben nach dem anderen. Aber an diesem ungemütlichen Februarabend soll nicht geschrieben, sondern gelesen werden – und das an keinem geringeren Ort als in einer Wuppertaler WG auf dem Ölberg.

von Larissa Plath

Die Atmosphäre stimmt: Der Raum ist in warmes Licht getaucht, an einer Wand hängen gerahmte schwarz-weiß Fotos, hier und da leuchten Kerzen. Um die zwanzig Leute sitzen verteilt auf Stühlen, bunten Sitzkissen und auf dem Fußboden. Hinter einem imposanten Holztisch thront die Autorin Helene Bukowski auf einem Schreibtischstuhl, ein Becher mit Tee und eine Ausgabe ihres Debütromans Milchzähne sind griffbereit.

Gegenwartsliteratur junger Autor*innen ins Wohnzimmer, in die WG-Küche oder auf den Balkon zu bringen, das ist die Idee hinter dem Format „zwischen/miete“. Freiburg und Stuttgart waren die Pioniere, seit 2016 wird auch in Kölner WGs gelesen. Bonn, Düsseldorf, Münster und Wuppertal zogen 2019 nach und seit neuestem ist auch Bochum mit von der Partie. Organisiert wird das Ganze vom Literaturbüro NRW und dem Literaturbüro NRW Süd gemeinsam mit Tilman Strasser, der die Lesungen moderiert. Denn ein ungezwungenes Gespräch über das literarische Schaffen der Autor*innen ist Teil der Veranstaltung. In Wuppertal findet die „zwischen/miete“ an diesem Abend bereits zum dritten Mal statt.

Mit klarer Stimme beginnt Helene Bukowski zu lesen und führt das Publikum aus dem gemütlichen Wohnzimmer hinaus auf eine Lichtung in einem märchenhaft anmutenden Wald. Dort trifft die Ich-Erzählerin Skalde, eine Außenseiterin mit ungewöhnlich klingenden Namen, auf ein kleines Mädchen mit feuerroten Haaren. Sie nimmt es mit zu sich und ihrer Mutter Edith nach Hause. Wo dieses Zuhause ist, warum in dieser dörflichen Gemeinschaft niemand Kontakt zur Außenwelt hat und was für eine Rolle die Natur dabei spielt, wird nur angedeutet: Die beschriebene Romanwelt ist unwirklich, düster und im Stillstand verhaftet.

Bukowskis knapper, präziser Stil wirkt beim Lesen besonders eindringlich. Bis zu der Arbeit an ihrem ersten Roman habe sie vor allem Kurzgeschichten geschrieben, erzählt die Autorin im Gespräch mit Tilman Strasser. An die längere Erzählform habe sie sich herangetastet, nach und nach sei so aus der Geschichte von Skalde ein Roman geworden. Nicht das Alltägliche zu erzählen, sondern Unbekanntes zu erkunden und eigene Welten zu bauen, darauf komme es ihr beim Schreiben an, erklärt Bukowski. Für ihr viel gelobtes Debüt Milchzähne, 2019 bei Blumenbar im Aufbau Verlag erschienen, hat sie einen ganz eigenen Ton gefunden – dass sie hierbei nicht den Trends der zurzeit gängigen Formate wie ‚Dystopie‘ oder ‚Endzeitroman‘ folgt, klingt in den gelesenen Auszügen an.

Zurück aus Skaldes Welt, findet man sich nach der Lesung bei Bier und wohlduftenden Zimtschnecken zum Gespräch zusammen. So kann ein Abend im Zeichen junger Literatur ablaufen – kurzweilig, ungezwungen, inspirierend. Das Organisationsteam um Tilman Strasser, Janina Lommel und Nina Waldmüller ist ständig auf der Suche nach neuen „Mitbewohner*innen“ für die nächste WG-Lesung. Eins ist sicher: Wir gehören zu den Nachmietern und freuen uns schon jetzt auf kommende „zwischen/mieten“ bei uns im Tal!

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Weitere Infos und die nächsten Termine gibt es hier.