Buchtipps: Moderne Autorinnen

Für mehr Exzellenz im Bücherregal: großartige Bücher von großartigen Frauen.

Ben empfiehlt:
Juli Zeh – Leere Herzen (2017)

Im Jahr 2025 wird Deutschland von einem verheerendem Terroranschlag heimgesucht. Britta, die Freunde zum Abendessen eingeladen hat und die Bilder im Fernseher sieht, ist erschüttert. Allerdings ist es nicht die Tat selbst, die ihr Unbehagen bereitet, sondern die dunkle Ahnung, dass ihre bisher einzigartige Firma nun Konkurrenz bekommen hat. „Die Brücke“, die Britta zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak unterhält, rekrutiert mittels extra programmierter Algorithmen suizidale Personen aus dem Internet, um den jeweiligen Todeswunsch in einem mehrstufigen Programm einer ausgiebigen Prüfung zu unterziehen. Im Falle eines positiven Befundes erfolgt die Übergabe der Anwärter*innen an eine Organisation, welche die Selbstmordkanditat*innen zur Durchsetzung eigener Ziele in Form von Attentaten instrumentalisiert. Dass die Kooperation mit Brittas Kund*innen an bestimmte Auflagen wie begrenzte Opferzahlen gebunden ist, erscheint lediglich als einer von vielen Gründen für ein verworrenes Katz-und-Maus-Spiel zwischen „Der Brücke“ und ihrem Gegenspieler „Empty Hearts“. Das Setting der Erzählung – Deutschland unter politischer Führung der „Besorgten-Bürger-Bewegung“ – trägt sein Übriges zum latenten, aber nicht aufdringlichen gesellschaftskritischen Unterton bei. Entgegen der überwiegend negativen Kritiken für mich eines der spannendsten und gleichzeitig aktuellsten Zeh-Bücher.

Anthoula empfiehlt:
Margaret Atwood – Die Zeuginnen (2019)

Nach über 30 Jahren greift Margaret Atwood die Geschichte um die Welt der Mägde im grausamen Kontrollstaat Gilead wieder auf. Die Zeuginnen ist die Fortsetzung des Romans Der Report der Magd aus dem Jahre 1985. Atwood schildert die schrecklichen Ereignisse, die sich in Gilead ereignet haben, in Form von drei Zeugenaussagen. In Gilead üben Männer ihre Macht aus und Frauen haben kein Mitspracherecht. Durch eine biochemische Katastrophe fällt es den Menschen schwer, Kinder zur Welt zu bringen. Die wenig verbliebenen fruchtbaren Frauen werden zu Mägden und gehören dann den einflussreichsten Männern. Alle drei Zeuginnen erzählen ihre eigene dramatische Geschichte: Die älteste Frau, Tante Lydia, wurde nach Folter und Erniedrigung zur Tutorin der Mägde und hat ihre Tagebuchaufzeichnungen in einem alten Buch versteckt. Diese erlauben ihr nun auch einflussreiche Männer zu manipulieren. Die zwei jüngeren Erzählerinnen, Daisy und Agnes, haben ebenfalls harte Schicksale erlitten: Daisy führt ein normales Leben in Kanada und erhält nach dem Tod ihrer Eltern neue Erkenntnisse über ihre Vergangenheit. Agnes wächst in der Familie eines einflussreichen Kommandanten in Gilead auf.

Die Fortsetzung ist genauso spannend und interessant aufgebaut und erzählt wie der erste Teil dieses dystopischen Weltenentwurfs. Trotz einiger negativer Rezensionen handelt es sich um ein Buch, das auf jeden Fall gelesen werden sollte.

Kerstin empfiehlt:
Marisha Pessl – Die amerikanische Nacht (2013)

Stanislas Cordova ist der Inbegriff von berühmt und berüchtigt. Der für seine krassen Filme gleichermaßen gefeierte und verteufelte Regisseur genießt Kultstatus – nicht zuletzt, da er ein Leben in vollkommener Abgeschiedenheit führt und kaum verlässliche Informationen zu seinem Privatleben existieren. Als sich seine Tochter Ashley umbringt wittert der durch eine dubiose Story über Cordova in Ungnade gefallene Journalist Scott McGrath seine Chance, den schauerlichen Gerüchten und Geheimnissen um den unnahbaren Mann auf den Grund zu gehen. Es entspinnt sich ein albtraumhafter Prozess, der zu Enthüllungen führt, die selbst die gewagtesten Vermutungen  von Scott übertreffen.

Bereits in ihrem Debütroman Die alltägliche Physik des Unglücks hat Pessl bewiesen, dass sie gerne die vermeintlich klaren Grenzen zwischen Geschichte und Realität verwirrt. In ihrem zweiten Roman treibt sie das Spiel noch weiter und erschafft durch die Einbindung von Fotos, Standbildern aus Filmen, Kopien und einer downloadbaren App für ihre Leser eine multimediale und interaktive Ebene der Lektüreerfahrung.

Nadine empfiehlt:
Amélie Nothomb – Blaubart (2012)

Amélie Nothomb ist eine notorische Kurzschreiberin: die meisten ihrer Romane bewegen sich im Rahmen von ca. 150 Seiten. Dass Länge allerdings überhaupt kein Qualitätsmerkmal ist, beweist sie immer wieder aufs Neue. Blaubart, welches im Jahr 2012 erschien und 2014 ins Deutsche übersetzt wurde, ist eine moderne und äußerst skurrile Nacherzählung des gleichnamigen Märchens, in welcher die junge Saturnine als Untermieterin im noblen Stadtpalais des Adeligen Don Elemirio einzieht. Um diesen ranken sich unzählige Gerüchte, nachdem acht Frauen, die vor Saturnine in seiner Wohnung lebten, allesamt spurlos verschwanden. Der Roman zählt zu Nothombs besten Werken und bietet einen exemplarischen Überblick über ihr schriftstellerisches Können: lebendige und spritzige Dialoge treffen auf viel Tempo, außergewöhnliche und unterhaltsame Figurenkonstellationen sowie kluge historische, literarische und mythologische Anspielungen. Blaubart ist, wie Nothombs restliche Bücher, im allerbesten Sinne merkwürdig – eine anspruchsvolle Lektüre, die unglaublichen Spaß beim Lesen bereitet, wenn auch einen bitterbösen.

Larissa empfiehlt:
Gwendoline Riley – Cold Water (2002)

Die 20-jährige Carmel lebt in Manchester, arbeitet in einer Kellerbar und träumt von Cornwall. Viel mehr erfährt man nicht über die junge Protagonistin in Gwendoline Rileys Roman Cold Water. Wenn Carmel nicht gerade Drinks serviert und sich die Geschichten der Stammgäste in der Bar anhört, liest sie, geht ins Kino und trinkt zwischendurch mehr, als ihr guttut. „Abgeklärt“ ist ein Wort, mit dem sie sich in ihrer scheinbar stoischen Akzeptanz der Gegebenheiten beschreiben lässt; Stillstand prägt ihr Leben und auch das ihrer Freunde und Bekanntschaften, die meisten von ihnen wirken wie verlorene Seelen oder desillusionierte Außenseiter.

Mit ihrem Debüt von 2002 landete die damals erst 22-jährige Engländerin einen großen Erfolg. Auf knapp 150 Seiten gelingt es Riley in dichter Prosa, eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen. Einen Plot gibt es nicht, vielmehr geht es um Stimmungen und Eindrücke, die in der ersten Person aus Carmels Perspektive beschrieben werden – distanziert, ironisch und doch berührend.