Autorenportrait von Saša Stanišić

„Ich lebe in Hamburg. Ich habe einen deutschen Pass. Mein Geburtsort liegt hinter fremden Bergen. An der vertrauten Elbe gehe ich zweimal die Woche laufen, eine App zählt die zurückgelegten Kilometer […] Man will gelegentlich von mir wissen, ob ich in Deutschland zu Hause sei. Ich sage abwechselnd ja und nein. Die Leute meinen es selten ausgrenzend.“

mary von Marajka Parplies

 

Unspektakuläre Jugend in der Ferne

Der junge Stanišić, heute ein erfolgreicher Schriftsteller und Literaturpreisträger, führte ein ganz normales Leben und besuchte eine ganz normale Schule im ehemaligen Jugoslawien. Mit den Worten „Der Sozialismus war müde, der Nationalismus wach“ beginnen die Irrungen und Wirrungen eines zum Fliehen gezwungenen Teenagers namens Saša, die er in seinem aktuellen Roman Herkunft thematisiert. Stanišić wurde 1978 in Visegrád an der Drina im heutigen Bosnien-Herzegowina als Sohn einer bosnischen Frau und eines Serben geboren, wo sogenannte „Mischehen“ ganz normal waren. Er studierte in Heidelberg und am Leipziger Literaturinstitut.

Stanišić kritisiert in seiner Rede zum Gewinn des Deutschen Buchpreises 2019 den Nobelpreisträger, den scheinbar pro-serbisch-eingestellten Peter Handke, der Literatur für seine Zwecke instrumentalisiere. Für Stanišić ist die Wahrhaftigkeit eines schriftstellerischen Werks nicht von der Person des Autors zu trennen, wohingegen die Nobelpreisjury allein das schriftliche Erzeugnis bewertet. In seiner Rede sagte er: „Lassen Sie sich nicht anstecken, außer mit guter Literatur.“

Kriegswirren

Als heranwachsender Mensch musste Stanišić im Alter von 14 Jahren seine Heimat Bosnien-Herzegowina im Jahre 1992 im Zuge des Balkan-Krieges gemeinsam mit seiner Mutter verlassen, der Vater zog später nach. „In Bosnien hat es geschossen, in Heidelberg hat es geregnet. Es hätte ebenso gut Osloer Regen sein können. Jedes Zuhause ist ein Zufälliges.“  Hier durften sie vorerst bleiben. Seine Eltern, beide Akademiker, fanden schnell Arbeit, für die sie zwar überqualifiziert waren, jedoch waren sie dankbar dafür, den deutschen Alltag mitgestalten zu können. Stanišić besuchte die Schule und musste sich zurechtfinden. Zu Menschen, die er kennenlernt, sagte er, er sei Slowene, da dieses kleine Land am wenigsten mit dem Begriff Krieg und der somit resultierenden Opferrolle in Verbindung stand, um sich und den Balkankonflikt nicht erklären zu müssen.  Er sah sich als normalen Teenager, der seine Zeit regelmäßig mit seinen neuen Freunden unterschiedlicher Nationalitäten an der Heidelberger Araltankstelle in Emmertsgrund verbrachte und darüber hinaus Joseph Eichendorff verehrte, der ihm den ersten Zugang zur deutschen Literatur verschaffte.

Erinnerungen an die Heimat durch Geschriebenes

Stanišić erinnert sich über die Sprache an die Heimat. Er schreibt auf, was ihn beschäftigt, ohne Gefühlsduseleien und ohne verklärten Blick auf das Vergangene. Stanišić erzählt dennoch viel aus der Vergangenheit. Seine bisher veröffentlichten Romane laden dazu ein, über den Tellerrand zu blicken und sich für kleine Momente keine Gedanken um das eigene Leben in Frieden und einem umfangreichen Sozialsystem zu machen. Stanišić merkte wenig bis nichts von der „Nicht-Willkommenspolitik“. Einer seiner Lehrer auf der Gesamtschule entdeckte sein schöpferisches Potenzial und nahm sich seiner an. Der junge Stanišić, der kaum Deutsch sprach, entwickelte sich schnell zum begeisterten und talentierten Schreiber. Er studierte und bekam mehrere Stipendien. Als sich die Situation in Ex-Jugoslawien beruhigte, sollte die Familie geschlossen wieder in die alte Heimat ziehen. Stanišićs Eltern wollten jedoch unter keinen Umständen zurück und wanderten in die USA aus, er selbst durfte hierbleiben, da er in der Lage war, sein Studium selbst zu finanzieren, auch mithilfe von Stipendiengeldern. Er hielt sich daraufhin mit selbstgeschriebenen Geschichten über Wasser. Die Flucht aus seiner Heimatstadt und die darauffolgende Ungewissheit, die ihn über Jahre beschäftigte, verarbeitet er in tragisch-komischen Geschichten, die in über 30 Sprachen übersetzt wurden. Sein Debütroman Wie der Soldat das Grammofon repariert (2006) war ebenso davon geprägt wie der mit dem Deutschen Buchpreis 2019 ausgezeichnete Bestsellerroman Herkunft.  Sein zweiter Roman Vor dem Fest (2014) spielt in Fürstenfelde und thematisiert die skurrilen Bräuche dieses kleinen Dorfes, die auf Stanišić, der eine andere kulturelle Wahrnehmung als die Bewohner des Ortes hat, zunächst befremdlich wirken. Für seinen Roman Vor dem Fest bekam er bereits 2014 den Leipziger Buchpreis. Stanišić hat weitere Literaturpreise und Stipendien erhalten, unter anderem den Adelbert-von-Chamisso-Preis und den Alfred-Döblin-Preis. Den Roman Fallensteller (2016) widmet er Menschen, die Fallen stellen, die sich vom Leben mehr Spaß und Freiheit wünschen und die auch zum Teil skrupellos charmant mit Tricks und Gaunereien ihre Ziele erreichen.

Wieviel Fiktion und wie viele persönliche, zur Verarbeitung dienliche Inhalte seine überaus erfolgreichen Romane beinhalten, ist der Vorstellungskraft des gewitzten Lesers selbst überlassen.

 

Quellen

Stanišić, Saša: Herkunft, München: Luchterhand Verlag, 2019.

http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bachmannpreisv2/bachmannpreis/autoren/stories/36391/  (zuletzt aufgerufen am 01.12.2019)

https://www.dw.com/de/deutschsprachig-ungebunden-jung-sucht-herausgeber/a-1662424 (zuletzt aufgerufen am 01.12.2019)

https://web.archive.org/web/20170225211259/http://www.schubart-literaturpreis.de/schubart-literaturpreis-2017-wird-an-sa%C5%A1a-stani%C5%A1i%C4%87-verliehen.94460.66613.htm (zuletzt aufgerufen am 01.12.2019)

https://www.tagesschau.de/inland/buchpreis-113.html (zuletzt aufgerufen am 01.12.2019)

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/deutscher-buchpreis-fuer-den-schriftsteller-sa-a-stani-i-16433382.html (zuletzt aufgerufen am 01.12.2019)