Mistletoes, memories, mysteries (and murder): Englischsprachige Weihnachtserzählungen

Charles Dickens’ „Christmas Carol“ gehört jedes Jahr aufs Neue zu den üblichen Verdächtigen. In der englischsprachigen (Buch-)Welt gibt es darüber hinaus noch viel mehr an besinnlicher (und in manchen Fällen auch mörderisch guter) Lektüre zu entdecken, mit der man sich auf die Festtage einstimmen und gemütliche Lesestunden verbringen kann.

von Larissa Plath

*Truman Capote – A Christmas Memory*

„It’s fruitcake weather!“ – Mit diesen Worten wird an einem kalten Wintermorgen für den siebenjährigen Buddy der Beginn der Weihnachtszeit eingeläutet. Zusammen mit seiner entfernten Cousine, einer alten Dame, und anderen Verwandten lebt der Junge in ärmlichen Verhältnissen in einem Haus in Alabama. „A Christmas Memory“ ist die Erinnerung an das letzte gemeinsame Weihnachtsfest, das Buddy und seine Cousine, die gleichzeitig seine beste Freundin ist, gemeinsam verbrachten.
Truman Capotes 1956 veröffentlichte, autobiographisch inspirierte Kurzgeschichte wurde für verschiedene Produktionen in Radio, Fernsehen, Theater und Oper adaptiert und gilt heute als Klassiker.

*Francis Duncan – Murder for Christmas*

Der Hobbydetektiv Mordecai Tremaine verbringt die Weihnachtstage auf einem englischen Landgut, wo der Gastgeber Benedict Grame alljährlich ein großes Weihnachtsessen veranstaltet. Dass Tremaine nicht ohne Grund eingeladen wurde, wird spätestens dann klar, als um Mitternacht eine Leiche unter dem Weihnachtsbaum gefunden wird…
Erstmals 1949 erschienen, geriet der Krimi lange in Vergessenheit und gab nach seiner Wiederentdeckung einige Rätsel auf. Das Geheimnis um den unbekannten Autor konnte schließlich gelöst werden: William Underhill veröffentlichte zwischen den 30er und 50er Jahren eine Reihe von Büchern, dazu gehören zahlreiche Krimis unter dem Pseudonym Francis Duncan. Mit Murder for Christmas verfasste er einen weihnachtlichen Krimi in bester englischer „Whodunnit“-Tradition.

*J.R.R. Tolkien – Letters from Father Christmas*

Wer wüsste nicht gerne, was der Weihnachtsmann und seine vielen fleißigen Helfer erleben, bevor für sie die turbulente Zeit des Jahres beginnt? Bei Tolkien kann man genau das nachlesen: Jedes Jahr erhielten seine vier Kinder einen Brief von „Father Christmas“ – manchmal mit Kommentaren seines Assistenz-Elfen oder des vorwitzigen Polarbären versehen –, in dem die Ereignisse der vergangenen Monate berichtet werden. Mehr als zwanzig Jahre lang verfasste Tolkien diese fantasievollen Briefe mit wortreichen, bildhaften Beschreibungen und Zeichnungen vom Leben am Nordpol. Der Sammelband ist nicht nur für Fans des Autors eine wunderbare Lektüre!

*Dylan Thomas – A Child’s Christmas in Wales*

Weihnachten in einer kleinen Stadt am Meer: Mit „A Child’s Christmas in Wales“ erweckt der walisische Schriftsteller Dylan Thomas seine Kindheitserinnerungen in einer lyrischen Prosa zum Leben. Auf besondere Weise vermischt sich die kindliche Perspektive des Jungen mit dem nostalgischen Blick des erwachsenen Dichters. Von der idyllischen Weihnachtszeit inmitten der verschneiten Landschaft geht ein ganz eigener Zauber aus, der von Thomas in assoziativ verbundenen Stimmungsbildern eingefangen wird.

*Anne Meredith – Portrait of a Murderer. A Christmas Crime Story*

“Adrian Gray was born in May 1862 and met his death through violence, at the hands of one of his own children, at Christmas, 1931.” Nach diesem unumwundenen Einstieg wird der Fall Gray in Anne Merediths Portrait of a Murderer von hinten aufgerollt. Alljährlich besucht Grays Familie das wenig sympathische Familienoberhaupt in seinem Landhaus, mögliche Täter und Motive für den Mord gibt es viele. Nur auf den ersten Blick vermag der Krimi an eine klassische „cozy mystery“ zu erinnern. Das im Titel enthaltene „portrait“ ist nicht von ungefähr, denn statt auf Spannung setzt Meredith in erster Linie auf detaillierte psychologische Charakterbeschreibungen ihrer Figuren. Aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet, werden die losen Fäden um den Mord an Gray nach und nach zusammengeführt.
Unter dem Pseudonym Anne Meredith veröffentlichte die Autorin Lucy Beatrice Malleson ihre Christmas Crime Story erstmals 1933. Wie auch ihre Kolleginnen, die beiden „Queens of Crime“ Agatha Christie und Dorothy L. Sayers, war sie Mitglied des bekannten Londoner ‚Detection Clubs‘.