Buchtipps: Books and the City

Die Großstadt mit all ihren Facetten wird in der Literatur nicht selten zur Neben- oder Hauptdarstellerin, die mal dezent agiert und sich ein anderes Mal in den Vordergrund der Geschichte spielt. Passend dazu möchten wir euch heute vier Schriftstellerinnen und ihre Werke vorstellen – keine Großstadtromane im engeren Sinne, sondern vergangene, gegenwärtige, zukünftige und vielleicht auch zeitlose Momentaufnahmen dreier Metropolen: Berlin, Paris und New York.

Anthoula empfiehlt:
Veronique Olmi – Der Mann in der fünften Reihe

Auf knapp 112 Seiten schildert Olmi den Alltag der Theaterschauspielerin Nelly, die ihre alte Liebe Paul in Paris wiederfindet. Es handelt sich jedoch nicht um eine einfache Liebesgeschichte. Die Gedanken der Protagonistin sind Fragmente, die den Leser zum Nachdenken anregen sollen und es bleiben viele Fragen ungeklärt. Nelly hat Selbstzweifel und versucht erfolglos, über diesen Mann in der fünften Reihe hinwegzukommen. Olmis Schreibstil stellt nicht nur die Melancholie Nellys, sondern auch das Theater und die Stadt Paris in einem düsteren Licht dar.

Larissa empfiehlt:
Maeve Brennan – New York, New York

Truman Capote soll sie als Vorbild für seine Figur der ‚Holly Golightly‘ gedient haben: Die Rede ist von Maeve Brennan, Schriftstellerin, Kolumnistin und Stilikone. 1917 in Dublin geboren, emigrierte sie 1934 in die USA und verbrachte den größten Teil ihres Lebens in New York, wo sie zahlreiche Kolumnen, Erzählungen, Kritiken und Essays verfasste. Unter dem Titel „The Talk of the Town“ schrieb sie lange Jahre eine Kolumne für den New Yorker – insgesamt 47 dieser in den 50ern und 60ern erschienenen Prosastücke sind in dem Erzählband New York, New York versammelt.
Als Flâneuse mit einem sicheren Auge für das Besondere im Alltäglichen spaziert Brennan durch „ihre Stadt“. Ob in Bars und Restaurants, in Geschäften, Zügen oder Parks – Brennan fängt Impressionen und Stimmungen ein und gibt sie als punktgenaue Miniaturen wieder. Auch heute noch ein Lesevergnügen!

Lara empfiehlt:
Emma Braslavsky – Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten

Das Berlin der Zukunft wird nicht nur von Menschen bewohnt, auch sogenannte Hubots bevölkern die Straßen. Die auf die Bedürfnisse und Vorlieben ihrer Besitzer abgestimmten Roboter dienen den Menschen als Partner. Da die Maschinen passgenau auf den Kundenbedarf zugeschnitten werden können, werden Liebesbeziehungen zwischen Menschen immer seltener – sie sind einfach zu kompliziert, da sie mit Kompromissen einhergehen. Während die sich verändernde Situation den Künstler Lennart zunächst zum Drogenkonsum und in letzter Instanz in den Tod treibt, profitiert der Hubot Roberta von den Entwicklungen: Sie ist ein Prototyp, der eigens dafür entwickelt wurde, die sich häufenden Suizidfälle aufzuklären und dem Selbstmorddezernat als Sonderermittlerin zur Seite zu stehen. Mithilfe ihres vernetzten Wissens und ihrer angepassten Fähigkeiten ist sie perfekt für den Job – oder?
Das von Braslavsky erdachte Zukunftsszenario ist beunruhigend: In einer auf der einen Seite lustbetonten, auf der anderen Seite pragmatisch orientierten Gesellschaft scheitern die Figuren an den einzelnen Aspekten ihrer menschlichen Existenz und nicht zuletzt auch daran, unter den veränderten Spielregeln funktionieren zu müssen. Der Roman entbehrt dennoch nicht einer gewissen Komik, die durch das teilweise kindliche Weltverständnis der Roboter, die trotz ihres theoretisch unendlichen Wissensfundus an Verstehensgrenzen stoßen, entsteht. Die Nacht war bleich, die Lichter blinkten erzeugt beim Lesen jene Art von Lachen, das im Halse stecken und letztendlich als unbehaglicher Gedanke im Gedächtnis bleibt.

Larissa empfiehlt:
Mary McCarthy – Die Clique

Die amerikanische Autorin Mary McCarthy machte sich in erster Linie als Literatur- und Theaterkritikerin einen Namen und war berüchtigt für ihre scharfsinnigen Texte. Ihre Prosa steht dem in nichts nach: Die Clique (The Group) liest sich auch mehr als fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung als messerscharf beobachtetes und mit präzisen Strichen gezeichnetes Bild der New Yorker Gesellschaft in den 1930er Jahren. Bei seinem Erscheinen 1963 schockierte der Roman vor allem durch die – für damalige Verhältnisse – detailliert geschilderten Sexszenen und den offenen Umgang mit Themen wie Schwangerschaft und Verhütung.
McCarthys acht Hauptfiguren, alle Absolventinnen des renommierten Vassar-Colleges (an dem die Autorin selbst studierte), stehen für eine Generation junger Frauen im Aufbruch. Voller Idealismus und entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen, stoßen Kay, Polly, Lakey und ihre Freundinnen an Grenzen, die in mancher Hinsicht bis heute nicht überwunden sind. Ungeachtet der Freiheiten, die ihnen ihre akademische Ausbildung ermöglichen sollte, bleiben die Frauen der Clique mehr oder weniger in bestehenden Konventionen verhaftet. New York wird bei McCarthy zur doppelbödigen Kulisse, verheißungsvoll, scheinheilig und unnachgiebig zugleich.