Adel verpflichtet: „Der kleine Lord“ feiert Premiere im Theater am Engelsgarten

Großvater (Martin Petschan) und Enkel (Julia Meier) sind anfangs nicht immer einer Meinung. Dezent im Hintergrund: Butler Dougal (Silvia Munzón López). Foto: Uwe Schinkel

von Larissa Plath

Beschwingte Jazzmusik erklingt, Projektionen bunter 50er-Jahre Werbeplakate erscheinen auf einer Seitenwand des Bühnenbildes, davor spielt sich eine slapstickartige Szene ab: Und schon ist man mittendrin im New Yorker Stadtteil Brooklyn und in der Welt des kleinen Cedric Errol (Julia Meier), irgendwo zwischen seinem Zuhause und den Geschäften seiner Freunde Mr. Hobbs (Martin Petschan) und Dick (Andreas Rother). „Die Aristokratie ist unser aller Unglück“, bemerkt der Gemischtwarenhändler Hobbs während seiner täglichen Zeitungslektüre, nicht ahnend, dass es seinem Kumpel Ceddie bestimmt ist, in nicht allzu ferner Zukunft sein Erbe als Lord und zukünftiger Graf von Dorincourt anzutreten.

Die englische Schriftstellerin Frances Hodgson Burnett veröffentlichte den Kinderroman Der kleine Lord, im Original Little Lord Fauntleroy, erstmals im Jahr 1886. Heute ist die Geschichte vor allem durch die zur Kultverfilmung avancierte Version aus den 1980ern einem großen Publikum bekannt und läuft alljährlich im Weihnachtsprogramm. Unvergesslich: Ricky Schroder als Cedric mit goldblonder Prinz-Eisenherz-Frisur, Alec Guinness als mürrischer Graf, der mit der Zeit zum liebevollen Großvater und Wohltäter wird. Dass die Romanvorlage noch mehr Potenzial bietet, zeigt die modernisierte Inszenierung des Wuppertaler Schauspiels.

Zu der im besten Sinne zeitlosen und gleichzeitig werkgetreuen Umsetzung des Stoffes tragen vor allem die Kostüme und Requisiten bei: Cedric kommt in Jeans und Baseball-Jacke daher, passend dazu scheint seine Mutter (Silvia Munzón López) einem American Diner der 50er Jahre entsprungen – im Outfit einer Serviererin mit Häubchen, weißer Schürze und auf Rollschuhen. Die englischen Gentlemen treten etwas dezenter auf: Mr. Havisham (Konstantin Rickert) erscheint mit Schirm, Charme und Melone, um Cedric im Auftrag des Grafen nach England zu bringen. Die Bühne dreht sich, das Brooklyner Viertel mit Mr. Hobbs’ mobilem „Gemischtwarenladen-Wagen“ und Dicks Schuhputzgeschäft weicht einem englisches Anwesen mit Kaminzimmer und Butler. Cedrics Großvater (Martin Petschan) trägt einen schwarzen Gehrock und Zylinder und begegnet seinem Enkel zunächst in viktorianisch-zurückhaltender Manier.

Wie im Roman gelingt es dem Jungen mit seiner unbefangenen Art schnell, seinen Großvater für sich zu gewinnen. Auch die erste Amtshandlung des jungen Lord Dorincourt lässt nicht lange auf sich warten: Gegenüber der Notlage von Pächter Higgins (Alexander Rother) zeigt er sich im Gegensatz zum Grafen verständnisvoll und verleiht seiner Entscheidung mit den Worten „Ich habe gesprochen!“ die nötige Bestimmtheit. Überzeugend ist Julia Meiers Darstellung des kleinen Cedric als aufgewecktes, liebenswertes Kind, das sensibel auf die Probleme seiner Mitmenschen reagiert.

Dem gesamten Ensemble bereitet das Spiel sichtliches Vergnügen. Es wird über die Bühne gewirbelt, geklettert und mitunter sogar galoppiert – letzteres auf den Rücken von Pony Mokka (Konstantin Rickert) und dem schon etwas betagten Ross Silberschweif (Andreas Rother), mit denen Enkel und Großvater zum gemeinsamen Ausritt aufbrechen. Viele komische Momente, wiederholte Tanzeinlagen (Choreografie: Sophia Otto) und nicht zuletzt die rasanten Rollenwechsel erzeugen ein stimmungsvolles Gesamtbild. Von Mitgliedern des Sinfonieorchesters live gespielt, bildet die eigens für das Stück komponierte Musik von William Shaw den passenden Rahmen.

Nach der Zusammenarbeit in der letzten Spielzeit bringt auch in diesem Jahr das Team um Henner Kallmeyer (Regie), Franziska Gebhardt (Bühne) und Silke Rekort (Kostüme) das weihnachtliche Familienstück des Schauspiels Wuppertal auf die Bühne: Gänzlich ohne Zuckerguss und dafür in einer sehr humorvollen Version, die durch das leichtfüßige Spiel des Ensembles und die detailverliebte Ausstattung nicht nur überzeugt, sondern große und kleine Zuschauer bestens zu unterhalten vermag. Am Ende wird es dann doch noch besinnlich: Bunt verpackte Geschenke purzeln durch den Kamin, der Tannenbaum glitzert und Cedric kann mit all seinen Lieben feiern. So lässt man sich die Einstimmung auf die Weihnachtszeit gefallen!

 

Der kleine Lord
nach Motiven von Frances Hodgson Burnett
Fassung von Henner Kallmeyer
Musik von William Shaw

Termine im Theater am Engelsgarten:

Fr. 22. November 2019 10:00 Uhr
Fr. 22. November 2019 12:30 Uhr
So. 01. Dezember 2019 16:00 Uhr

Termine im Opernhaus:

Di. 03. Dezember 2019 18:00 Uhr
Mi. 04. Dezember 2019 10:00 Uhr
Mi. 04. Dezember 2019 12:30 Uhr
Mi. 04. Dezember 2019 18:00 Uhr
Do. 05. Dezember 2019 10:00 Uhr
So. 08. Dezember 2019 16:00 Uhr
Mo. 09. Dezember 2019 10:00 Uhr
Mo. 09. Dezember 2019 12:30 Uhr
Mo. 09. Dezember 2019 18:00 Uhr
Di. 10. Dezember 2019 10:00 Uhr
Di. 10. Dezember 2019 12:30 Uhr
So. 15. Dezember 2019 16:00 Uhr
Mo. 16. Dezember 2019 10:00 Uhr
Mo. 16. Dezember 2019 12:30 Uhr
So. 22. Dezember 2019 15:00 Uhr
So. 22. Dezember 2019 18:00 Uhr
Mo. 23. Dezember 2019 16:00 Uhr
Mo. 30. Dezember 2019 18:00 Uhr
Sa. 04. Januar 2020 16:00 Uhr
So. 05. Januar 2020 15:00 Uhr
So. 05. Januar 2020 18:00 Uhr

Tickets für die kommenden Vorstellungen sind über die KulturKarte (0202 5637666) erhältlich. Nicht vergessen: Studierende der BUW erhalten nach Reservierung freien Eintritt!

Inszenierung: Henner Kallmeyer
Musikalische Leitung: William Shaw / Koji Ishizaka
Choreografie: Sophia Otto
Bühne: Franziska Gebhardt
Kostüme: Silke Rekort
Dramaturgie: Elisabeth Wahle
Regieassistenz: Jonas Willardt
Inspizienz: Charlotte Bischoff
Produktionsleitung: Peter Wallgram
Regiehospitanz: Louis Dross

Besetzung:

Julia Meier: Cedric
Martin Petschan: Mr. Hobbs / Graf von Dorincourt
Konstantin Rickert: Bob, Dicks Partner / Mr. Havisham / Mokka, ein Pony / die falsche Gräfin
Andreas Rother: Dick / Higgins / Silberschweif, ein Pferd / Tedric
Silvia Munzón López: eine Kundin / Cedrics Mutter / Dougal, ein Hund / Fredric

In Zusammenarbeit mit dem Sinfonieorchester Wuppertal