Eckhart Nickel – Hysteria

Wohin führt der Wunsch, ohne ökologischen Fußabdruck durchs Leben zu gehen? Eckhart Nickel greift das gesellschaftliche Streben nach einer ressourcenschonenden Lebensweise in seinem, unter anderem für den deutschen Buchpreis nominierten, Debütroman Hysteria auf und entwirft ein denkwürdiges Szenario, das der inhaltlichen Überladung jedoch nicht ganz standhält.

von Ben Sulzbacher

Die Erzählung beginnt mit dem Protagonisten Bergheim, der während seines allwöchentlichen Markteinkaufs eine wundersame Entdeckung macht. Es sind die Himbeeren, die seine Aufmerksamkeit angesichts ihrer außergewöhnlichen Farbe – einem „schwärzliche[n] Purpur“ – auf sich ziehen. Getrieben von einer für den Leser unerklärlich ausdauernden Motivation, begibt sich Bergheim auf die Suche nach dem Ursprungsort der Bio-Früchte. Er landet auf dem entlegenen Hof der Kooperative Sommerfrische, wo er nicht nur einen kurzen Einblick in die bizarre Produktionskette des regionalen Zulieferers erlangt, sondern ebenso unverhofft zu einer abendlichen Führung in das ansässige Institut für Kulinarik eingeladen wird. Dort angekommen, trifft Bergheim auf seine ehemaligen Freunde Ansgar und Charlotte und durchlebt – einer kaum näher bezeichneten Apparatur sei Dank – einzelne Momente seiner Studienzeit erneut. Zurück in der Gegenwart häufen sich die seltsamen Vorkommnisse im Institut. Als er schließlich auch noch verdächtige Geräusche aus dem Keller des Gebäudekomplexes vernimmt, ahnt Bergheim, dass sein unablässiges Misstrauen nicht von ungefähr kommt.

1. Die Existenz der Menschen auf der Erde ist ein biologischer Zufall und steht der uneingeschränkten Entfaltung der Natur nur im Weg.

Nickel skizziert eine fanatische Öko-Gesellschaft, in der eine skurrile Neuauflage der Zehn Gebote Gültigkeit beansprucht und sich auf Forderung der amtierenden Naturpartei ein allgemein anerkanntes Verbot von Tabak, Kaffee und Alkohol durchgesetzt hat. So geht es nach Feierabend nicht in die Kneipe, sondern in die Aromabar, wo zugunsten des olfaktorischen Vergnügens alle erdenklichen Duft-Kreationen aufgetischt werden. Der dort klinisch anmutenden Atmosphäre stehen Lokalitäten wie die Papiermanufaktur des verschrobenen Buchhändlers Abraham Schöpfer entgegen, die den Leser durch ihren urigen Charme umgarnt. In den episodisch angelegten Kapiteln lösen Nostalgie und Futurismus einander immer wieder ab. Nickels Roman greift somit nicht nur ein Trendthema auf, sondern konstruiert durch die Kombination aus ursprünglichster Naturverbundenheit, wie sie schon durch den mit botanischen Motiven verzierten Einband vorweggenommen wird, und wissenschaftlich-technischem Fortschritt ein zunächst faszinierendes Gedankenexperiment.

6. Im nächsten Schritt wird der Mensch, nachdem er sich nicht mehr bei der Natur bedienen darf, den Einfluss und die Auswirkungen, die seine Existenz an sich auf sie hat, nach bestem Wissen und Gewissen reduzieren, und, in letzter Konsequenz, vollends aufheben.

Das Lesevergnügen leidet jedoch unter dem Bestreben, das Szenario mit dem turbulenten Schicksal des Protagonisten zu verweben. Ein sportliches Vorhaben – handelt es sich bei Bergheim doch um eine Figur, die in der Gegenwart noch immer unter dem Einfluss bereits vergangener Ereignisse steht und wiederholt den Eindruck einer paranoiden und nur bedingt vertrauenswürdigen Persönlichkeit erweckt. Zusätzlich werden ein erneutes Aufeinandertreffen mit zwei Verflossenen, die verheerenden Folgen eines instrumentalisierten Öko-Wahns, ein beiläufig erwähnter mysteriöser Mord und nicht zuletzt die Beschreibung kurioser Inventionen auf gerade einmal 240 Seiten zusammengepfercht. Den roten Faden verliert der Leser dabei schnell aus dem Blick. Hinzu kommen die Eigenheiten der anderen Figuren, sodass der Titel des Romans nicht nur mit einem fundamentalistischen Drang nach einem „spurenlosen Leben“, sondern auch mit den Charakterzügen von Bergheim und Co. korrespondiert. Kontinuität bietet immerhin die Vielzahl an intertextuellen Verweisen, die den Leser mal mehr, mal weniger offensichtlich auf Autoren wie E. T. A. Hoffmann, Siegmund Freud und Ernst Jünger stoßen. Besonders gegen Ende entpuppt sich die Erzählung als indirekte Hommage an vorausgehende Schauerliteratur-Autoren à la Edgar Allan Poe.

10. Alle Regeln gelten ausnahmslos.

Hysteria lässt sich als ungewöhnlich und eigenwillig beschreiben, wobei die Vorzüge des Werks wohl stark von den Präferenzen des jeweiligen Lesers abhängen dürften. Wer sich auf die zu Beginn diffus erzählte Geschichte, deren Ziel lange nicht festzustehen scheint, einlässt, wird sowohl in Hinblick auf die in Anklängen philosophisch verhandelte Thematik als auch die textuelle Komposition einem Buch überlassen, das einen selbst nach Beendigung der Lektüre noch lange zum Puzzeln und Grübeln einlädt. Da sich einzelne Deutungsangebote durch den reinen Text nicht gänzlich entschlüsseln lassen, bleiben am Ende einige Fragen offen. Trotz der – insbesondere zu Anfang – erschlagenden Fülle an Inhalt überzeugt Nickel mit sprachlichem sowie literaturgeschichtlichem Geschick und schreibt damit einen Roman, der mehr als einen weiteren Ableger der auf dem Büchermarkt zahlreich vertretenen Dystopien bereithält.