Fließende Übergänge von Realität zu Wahnbild

Susanne Röckel beschreibt in ihrem Roman Der Vogelgott, wie sich die Fantasterei nach und nach Einzug in die Köpfe ihrer wehrlosen Opfer verschafft.

von Kira Ehlis

„Ich ließ mich von jenem Dunklen locken, das sich mir gezeigt hatte…“ Ebenso wie die Protagonisten des Buches, muss sich auch der Leser fühlen, so er sich denn entschließt, die von Susanne Röckel dargebotene Reise anzutreten. Und diese sollte wohl überlegt sein, denn Der Vogelgott ist wahrlich keine leichte Kost und spielt, wie sein Titel bereits vermuten lässt, in übernatürliche Sphären hinein. Dabei zwingt er den Leser mehr als einmal dazu, die gedankliche Wohlfühlzone zu verlassen. Mit ihrem Roman mit Elementen aus der Schauerromantik hat die Schriftstellerin und Übersetzerin ein Werk hervorgebracht, das es trotz – oder gerade wegen – seiner außergewöhnlichen Schilderungen auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018 geschafft hat.

Aus diesem Himmel schwebte eine weiße Feder zu mir herab. Schaudernd legte ich sie auf mein Blatt.

Bereits im Prolog lässt sich die finstere Stimmung, die einen über die 267 Seiten nie wirklich verlässt, erahnen – der Lehrer, der sich seinem Steckenpferd, dem Einfangen und Ausstopfen der geflügelten Himmelsbewohner, widmet, legt jedoch erst den Anfangsstein für eine Erzählung, die eigentlich aus drei Handlungsteilen besteht. In ihnen werden immer mehr Puzzleteile geliefert für ein Rätsel, welches sich um die vielgesichtige Legende eines Vogelgottes spannt und gleichzeitig die Leben der erwachsengewordenen Kinder des Sammlers nach und nach verwirkt. Denn keiner der drei Nachkommen des mittlerweile vergreisten Patriarchen Weyde kann sich dem dunklen Zauber entziehen: Weder der jüngste Sohn Thedor, der sich von der Einladung eines Fremden in das von einem eigenartigen Vogelkultus besessene Land Aza erhofft, seiner bis dato unwirksamen Lebensführung entfliehen zu können. Noch die Tochter Dora, die als Kunsthistorikerin in der Forschung zu Skizzen abnormer Vogelkreaturen ihre Chance zur karrieretechnischen Selbstverwirklichung wittert. Und auch der älteste Sohn Lorenz kann sich von den unheimlichen Vorkommnissen, denen er als freiberuflicher Journalist auf den Grund geht, nicht abwenden. Der Mythos eines ebenso mächtigen wie erbarmungslosen Vogelwesens vermischt sich dabei sukzessive mit den eigenen kindlichen Erfahrungen.

So unterschiedliche Lebenswege die Kinder eingeschlagen haben, so gleich wurden sie von dem Verhalten ihres überdominanten und vogelvernarrten Vaters sowie der Krankheit der Mutter, die die einzige Quelle an familiärer Liebe darzustellen schien, geprägt. Und nicht nur die Geister der Vergangenheit verfolgen sie, auch in der Gegenwart offenbart sich jedem der dreien ein mysteriöser Mann, der sich chamäleonartig an die herrschenden Umstände anzupassen scheint: Mal als Vic Tally, Vorsteher einer Wohltätigkeitsorganisation, mal als Victor Lalyt oder aber als Arzt des Städtischen Klinikums, Dr. Allt. Auch durch ihn werden die Geschwister auf ihrer jeweiligen Suche in die seltsamen Legenden des übermächtigen Vogelwesens und seiner Anhänger hineingezogen, deren grundlegende Wahrheit sich weiter zu entfernen scheint, je mehr sie sich nähert.

Ich hörte ihn sprechen – und hörte hinter dem, was er sagte, etwas anderes. Es war, als redete er mit einer Stimme auf zwei Ebenen, und wie beim Lesen eines Palimpsests wurde mit jedem Wort, das ich entzifferte, ein anderes bruchstückhaft deutlich, das etwas ganz anderes bedeutete.

Röckel erschafft nicht nur durch dieses Doppelgängermotiv eine Parallelrealität, die der Leser ebenso wenig zu durchblicken vermag, wie die drei Hauptfiguren. Auch sprachlich verfrachtet sie ihn mithilfe allerlei Adjektive und angedeuteter, vermeintlicher Wahrheiten in ein schauriges Schauspiel, mit dem Hang zu einer schnell steigenden Handlung und einem grausigen Höhepunkt. Allerdings bleibt den Zuschauern dabei genügend Distanz zum Geschehen, um den Akteuren dabei zuzusehen, wie sie bei der Erkundung der Vogelgott-Legende allmählich zu Marionetten der wirklich mächtigen Hintermänner werden. Dabei werden sie immer stärker von den Phantasmen, die sie umgeben, gefangen genommen und sagen sich dadurch vom Alltäglichen des Diesseits los.

Und gerade dieser Umstand birgt das große Potenzial, eine gewisse Unzufriedenheit zu hinterlassen: Auf der einen Seite zwingt der Roman den Leser, mitanzusehen, wie die drei ehemals unschuldigen Geschwister mit der Geschichte der Vogelgottheit untergehen, und andererseits wird ihm von der Autorin keinerlei Möglichkeit zur Gegenwehr angeboten (so wird zum Beispiel ein Amtsmitarbeiter, dessen Besorgnis durch die Vorgänge in Aza erregt worden ist, gleich als wahnsinnig abgestempelt und findet anschließend keine weitere Erwähnung). Der Leser muss dem Verfall der, zum Glück noch nicht ans Herz gewachsenen, Figuren und den brutalen Riten der Vogel-Sekte zusehen, ohne den geringsten Anhaltspunkt für einen möglichen Hoffnungsschimmer zu erhalten.

Wer sich also über das ständige Gefühl, die Charaktere seien von Vornherein zum Scheitern verurteilt und der bösen, unbekannten Macht heillos unterlegen, hinwegsetzen kann, wird in Der Vogelgott eine spannende und enigmatische Geschichte finden.