Alexander Gorkow – Hotel Laguna. Meine Familie am Strand

Palma de Mallorca, des Deutschen liebste Insel, eignet sich sehr wohl, um sein Glück im Kleinen zu finden. Ein Roman für alle, die zwischen der Generation Golf und den Digital Natives geboren wurden.

mary
von Marajka Parplies

„Als sein Urgroßvater Anfang der 60er-Jahre in einem Café am Plaça del Conqueridor hier in Artà, davon hörte, dass sich an den Küsten Mallorcas künftig Menschen aus Nordeuropa in den kochenden Sand legen würden, um sich zu erholen, sei er, der Urgroßvater, so gehe die Legende, zunächst verstummt. Dann habe er gefragt, was das sei, sich erholen, aha, so etwas wie eine Siesta, nur, dass sie, die Deutschen, ihre tägliche Siesta ein komplettes Jahr nicht machen- und dafür dann immer am Stück im Sommer? Sie legen sich in den Sand? Unter die Sonne? Zur Mittagszeit? Wochenlang? Sie sind verrückt?“

So erzählt von einem Einheimischen.

Verrückt sind sie nicht, die Gorkows aus Meerbusch, die damals in der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafens wohnten. Sie beobachteten die Ferienbomber, die in steigender Zahl über ihren Garten hinwegflogen und die auch sie irgendwann regelmäßig gen Palma de Mallorca bestiegen. Alexander Gorkows Eltern, vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet, der Vater ein selbstständiger Geschäftsmann, die Mutter Hausfrau, sahen die Urlaubsreisen als etwas Besonderes an. Sie genossen die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern, dem Personal vor Ort begegneten sie freundschaftlich. Vor allem an ein wiederkehrendes Ereignis erinnert Gorkow sich bildhaft: Der Vater, größter Sympathieträger des Romans, schwamm regelmäßig mit seinem Nichtschwimmersohn auf dem Rücken – ohne Schwimmhilfe wohlgemerkt – eine Stunde raus aus der Bucht; beobachtet von der Mutter, die cocktailtrinkend mit ihrer Tochter am Strand blieb. Heute, in Zeiten von Helikopter-Eltern, unvorstellbar. „Womöglich bin ich ihm als Kind nie nähergekommen als in der Bucht von Canyamel“, so Alexander Gorkow über diese Situationen.

Doch der Reihe nach:

Palma de Mallorca, in der kleinen Bucht Canyamel: Dort verbringt der kleine Alexander Gorkow von 1967 bis 1981 die Familienurlaube mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester. Im Jahre 2016 reist er zurück an jenen Ort, wo er die prägendsten und schönsten Zeiten seiner Kindheit erlebte. Das titelgebende „Hotel Laguna“, ein damals neu eröffnetes Familienhotel, fest in Schweizer Hand und in bester Lage am Strand, weckt große Sehnsüchte beim Protagonisten, da er mit seiner Familie aufgrund finanzieller Aspekte und ihrer Herkunft in einer kleinen Pension nebenan wohnte. Das Hotel war zur damaligen Zeit nur für Schweizer Gäste der place to be.

Gorkow, ein renommierter Journalist, der nach eigenen Angaben bereits um die halbe Welt gereist ist, nimmt den fernwehgeplagten Leser in seinem Roman mit in seine Kindheit auf die Insel, die zu den beliebtesten deutschen Urlaubszielen gehört; zurück in eine Zeit und an einen Ort, unberührt vom beginnenden Massentourismus. Zwischen witzigen, nachdenklichen, autobiografischen und kulturell bedingten Situationsbeschreibungen kommt man beim Lesen zwangsläufig in die Lage, darüber nachzudenken, was die Urlaubszeit im Zeitalter der Internetbewertungen und Dauerbeschallung durch tragbare Mobilgeräte für einen selbst bedeutet. “Zerstreuung“, also das langsame Ankommen im Entspannungsmodus, wie Gorkow passend beschreibt, gehört hier für ihn einfach dazu:

„Zerstreuung ist die schönste Form der Trance.“

Er findet einen neuen Freund, den Chefrezeptionisten des Hotel Laguna, Xisco Pico, den er während seines Aufenthaltes als Erwachsener sehr zu schätzen lernt und der ihm immer mal wieder vor Augen führt, wie die Mallorquiner die Urlauber betrachten. Ohne Wertung und Abschätzung, jedoch manchmal mit großer Verwunderung.

Gorkow stellt in nicht-chronologischer Erzählweise in seinem Roman die wesentlichen Unterschiede zwischen damaligem und heutigem Urlaubsverhalten auf eine zuweilen ironische, doch auch ernst anmutende Weise dar. Während seiner Kindheit genoss man, seinen Erfahrungen und Erinnerungen nach, Ferienreisen und die damit verbundene gemeinsame Zeit mit der Familie, wohingegen heute, im digitalen Zeitalter, Paare und Familien nur noch über das Smartphone gebeugt kommunizieren, sich ansonsten anschweigen oder sich wegen überteuerter Postkarten aufregen. Bei so viel Missmut könne man den Zustand der Zerstreuung nicht erlangen. Gorkow reist allein in sein Hotel Laguna, fährt täglich mit dem Kajak hinaus in die Bucht, die er seit Kindheitstagen kennt und erinnert sich. Erinnerungen an eine für ihn besondere Zeit. Erinnerungen an Ferngespräche seines Vaters mit der Firma in Düsseldorf aus stickigen Telefonzellen, zu denen er ihn immer begleitete und an denen sich lange Schlangen bildeten. Erinnerungen an überfahrene Kaninchen und spuckende Lamas.

Der Roman ist jedem ans Herz zu legen, der eigene besondere Erinnerungen an Familienreisen südwärts wecken möchte, die man damals noch im Flugzeug mit Raucher-Ecke antrat. Aber auch denjenigen, die vor der Urlaubsbuchung den für sich besten Ort durch Vergleichsportale und ausführliche Bewertungen aussuchen. Gorkows Betrachtungsweise benennt Urlaub nicht als eine Pause vom Leben, sondern als eine Einstellung zu diesem. Die Freude darüber, dass das Licht wieder brennt, weil der Strom wieder läuft, sollte größer sein als das Unbehagen über seinen Ausfall zuvor. So lebt es sich wesentlich zufriedener, vor allem im Urlaub. In aktuellen Zeiten, in denen Reisen für viele alltäglich und Teil des Jahresplans sind, durchaus lehrreich.

 

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat Auf der Höhe freundlicherweise ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.