Wuppertaler Literatur Biennale: „Voll Verlogen?“ Lesung des Schauspiels Wuppertal im SWANE-Café

Das Ensemble des Schauspiel Wuppertal. Foto: Uwe Schinkel.

von Larissa Plath

Die Wahrheit hat viele Gesichter. Mal versteckt sie sich hinter dem Schleier der Notlüge, ein anderes Mal ist sie als scheinbare Wirklichkeit getarnt. Sie kann als Halbwahrheit auftreten und im extremen Fall zur Unwahrheit, zur Lüge werden. Bis zu einem gewissen Grad bleibt Wahrheit immer subjektiv, verhandelbar, niemals endgültig. Getreu dem Motto #SchönLügen der diesjährigen Wuppertaler Literatur Biennale widmete sich das Ensemble des Schauspiels Wuppertal am vergangenen Montag der Wahrheitsfrage im Kontext des Theaters und zeigte in einer abwechslungsreichen Lesung unterschiedliche Facetten von Schein und Sein auf.

Den Anfang machte Schauspieler Stefan Walz mit seiner Darbietung von Wolfram Lotz Rede zum unmöglichen Theater. Das Theater sei der Ort, an dem Wirklichkeit und Fiktion aufeinanderprallten, verhandelt werden müssten, so Lotz. Innerhalb des geschützten Spielraums werde das real Mögliche hinter dem dargestellten Unmöglichen, Überzeichneten und Absurden ausgelotet und sichtbar gemacht. Anstelle von mimetischer Abbildung fordert Lotz die Autonomie der Fiktion ein und plädiert für eine wirklichkeitsgestaltende Funktion des Theaters.

Dass die Frage nach Realität und Fiktion nicht nur im Makrokosmos von Politik und Gesellschaft eine Rolle spielt, sondern auch im Mikrokosmos zwischenmenschlicher Beziehungen von Bedeutung ist, demonstrierte Martin Petschan mit seiner Lesung von Tilman Rammstedts Episode Eins. Die berühmte Frage, mit der sich wohl oder übel jedes Paar einmal konfrontiert sieht – „Und, wie habt ihr beide euch eigentlich kennen gelernt?“ – veranlasst den Erzähler und seine Freundin Lena dazu, ein ausgefeiltes System von möglichen Antworten zu entwickeln. Die mittlerweile perfektionierte Darstellung des ersten Treffens wechselt zwischen banal und außergewöhnlich, je nachdem, ob der Erzähler selbst oder Lena die Geschichte erzählt. Zwar ist Lenas Version meist „schöner als die Wahrheit“ aber solange beide daran glauben, wird die geschönte Erinnerung zur subjektiven Wirklichkeit.

Wie nah Authentizität, Echtheit und Fälschung in der Welt des Kunstbetriebs beieinander liegen, thematisiert Daniel Kehlmanns Roman F, in dem einer der Protagonisten als Nachlassverwalter des berühmten Malers Eulenböck auftritt und stetig für künstlerischen Nachschub sorgt, indem er die Werke des verstorbenen Künstlers selbst malt. Walz bot eine amüsante, ironisch-feinsinnige Darbietung von Kehlmanns Text und brachte en passant das falsche Spiel des Erzählers zum Ausdruck. Als Koryphäe innerhalb der „Eulenböck-Forschung“ trägt die Erzählerfigur nicht nur dazu bei, den Wert der Werke maßgeblich zu erhöhen, sondern kann die Bilder des gefeierten Künstlers anschließend zu horrenden Summen verkaufen. Sicher handelt es sich bei dem Werk „Urlaubsfoto Nr. 9“ um einen echten Eulenböck, denn wer könnte dies besser bezeugen als die Person, die als Nachlassverwalter, führender Experte und, praktischerweise, Urheber des Bildes die geballte Eulenböck-Kompetenz in sich vereint.

Mit einem weiteren Text des Dramatikers Wolfram Lotz begab sich das Ensemble schließlich in den Raum des politischen Theaters. Aktualität und Widerstand lauten die propagierten Schlagwörter – aber auf welche aktuellen Themen Bezug nehmen, sich gegen wen und was wenden? Die Figuren in Lotz dramatischem Text sind sich in dieser Hinsicht alles andere als einig. In einem ad absurdum geführten Verwirrspiel, einem Theaterstück über das Theater, tritt Lotz höchstselbst als Figur auf (gelesen von Petschan) und schlägt als mögliches Thema die RAF vor, die irgendwie „immer eine Art Aktualität“ habe, weiß jedoch auf die Frage nach der konkreten Umsetzung keine rechte Antwort zu geben. Authentisch solle das politische Theater sein: So betritt Josef Ackermann (von Walz mit Schweizer Akzent gelesen) die Bühne, der erstaunt feststellen muss, dass er als Figur viel öfter im Theater ist als er selbst in Wirklichkeit, und auch Arbeitgeberpräsident Hundt („Mit ‚dt‘!“) fällt eher durch sparsame, nichtssagende Äußerungen denn durch eine konkrete Position auf. Die Figur der Schauspielerin in Lotz‘ Stück (gelesen von Philippine Pachl) rauft sich angesichts des fehlenden Engagements buchstäblich die Haare und steigert sich in ihrer Entrüstung in einen dramatisch-komischen Monolog hinein: „Wir müssen uns zu einer klaren Aussage durchringen!“, insistiert sie. Theater sei eben knallhart, so der Regisseur (Walz) und wer die dargestellte Wahrheit nicht ertragen könne, müsse sie sich ja nicht anhören.

Das Publikum im SWANE-Café quittierte die ausdrucksstarke Lesung des Ensembles an diesem Abend mit lautem Applaus, Jubel und Pfiffen – ganz authentisch und mit wahrer Begeisterung.