Wuppertaler Literatur Biennale: Einblicke in den Seelenspiegel Guatemalas – Arnoldo Gálvez Suárez

Arnoldo Gálvez Suárez im Gespräch mit Matei Chihaia und Lutz Kliche. Foto: Birte Fritsch

Im Rahmen der Wuppertaler Literatur Biennale fand der guatemaltekische Autor Arnoldo Gálvez Suárez seinen Weg in die Börse, um dort aus seinem neuesten Buch Die Rache der Mercedes Lima zu lesen, gemeinsam mit Universitätsprofessor Matei Chihaia und Übersetzter Lutz Kliche über Gewalt zu sprechen und in den Dialog mit dem Publikum zu treten. Dabei gewährte er nicht nur Einblicke in seine Literatur, sondern ließ seine Zuhörer im selben Zuge auch an den dunklen Traumata der Vergangenheit seiner Heimat teilhaben.

 

IMG_7727von Lara Ehlis

Die Helligkeit und Hitze der Außenwelt mochte gar nicht recht zu dem düsteren Thema der Lesung von Arnoldo Gálvez Suárez – „Guatemala, schön grausam“ – passen.

Gleich zu Beginn rühmte Übersetzer Lutz Kliche den Autoren als einen der talentiertesten Schriftsteller Guatemalas dieser Zeit. Seine Texte seien wie ein „Spiegel, der einen mit den Abgründen der eigenen Seele konfrontiert“. Gálvez Suárez versetzt seine Protagonisten in albtraumhafte Situationen, lässt ihnen schreckliche Dinge widerfahren. Das urbane Umfeld mit seinen dunklen Seitengassen und verlassenen Baustellen dient ihm dabei als Szenerie.

Literatur baut Brücken

Die gemeinsam von Studierenden der Universitäten Wuppertal und Düsseldorf übersetze Erzählung Pájaros (Vögel) aus dem Erzählband La palabra cementerio bildete laut Kliche das „Saatkorn für Die Rache der Mercedes Lima“, Gálvez Suárez neuen Roman. Der Autor lobte die Kooperation in der vom Spanien-Zentrum organisierten Sommerschule, die sich mit Gewalt und Literatur in Mexiko und Mittelamerika befasste. Er betonte, dass sie für die Studierenden und den Autoren gleichermaßen die Möglichkeit schaffe, Brücken zu bauen. Die vorgetragene Übersetzung erzählt die Geschichte einer Unterhaltung zweier Männer in einer Bar, deren persönliches Schicksal sich auf die Vergangenheit Guatemalas übertragen lässt. Diese fungiert als Bindeglied zwischen Fiktion und Realität. Gewalt stellt sich in dieser Erzählung– und in den anderen Werken des Autors – als urbanes Strukturmerkmal dar, das in der Lebensumwelt der handelnden Figuren allgegenwärtig ist und in der sie zu Tätern und Opfern werden.

Schatten der Vergangenheit – Trauma einer Nation

Die Lesung aus Die Rache der Mercedes Lima (Puente adentro, übersetzt von Lutz Kliche und 2017 herausgegeben von Ilija Trojanow) versetzte das Publikum in die Haut des Protagonisten Alberto, der die ungeklärten Umstände des 25 Jahre zurückliegenden Todes seines Vaters aufzuklären versucht. Der Schatten der Erzählung liegt dabei auf dem Beginn der 1980er Jahre, in denen sowohl Alberto, als auch Gálvez Suárez geboren wurden. Laut ihm besteht in seinem neuesten Roman das Bestreben, einen Vorhang zu lüften und Einblicke in das Leben der Elterngeneration zu bieten. Er zeichnet das Paradoxon auf, was dadurch entsteht, dass die heutige guatemaltekische Gesellschaft aus einer früheren Generation entstammt, ohne diese wirklich zu kennen. Um diese Hürde zu überwinden lässt er Vater und Sohn auf einer Zeitebene zusammentreffen und erzählt ihre Schicksale simultan. Gálvez Suárez‘ Literatur ist ein Guckloch für Figuren und Leser gleichermaßen, durch das sich Fragmente aus der Vergangenheit beobachten lassen.

„Un golpe que se pega en un determinado momento resuena más tarde.“
„Ein Schlag, der in einem bestimmten Augenblick ausgeführt wird, hallt später wider.“
– Arnoldo Gálvez Suárez

Die „Kreuzung zwischen dem Kollektiven und dem Individuellen“ (Gálvez Suárez) erlaubt es, das Trauma zu betrachten, das über die Vergangenheit hinweg immer noch Relevanz für die Gegenwart hat. Universitätsprofessor und Organisator der Sommerschule Matei Chihaia wies in der Unterhaltung mit dem Autor auf die Problematik der strukturellen Gewalt und deren inhärenter Unmöglichkeit, sich ihr in der Gesellschaft zu entziehen, hin. Parallel dazu erleben auch Gálvez Suárez‘ Figuren die Unfähigkeit, aus den gewohnten Gewaltstrukturen auszubrechen und ihnen zu entkommen, was der Autor als „die Unausweichbarkeit der Tragödie“ bezeichnete. Das Verbrechen, das unter der Oberfläche schwelt, verschmilzt mit dem Alltäglichen und der in Die Rache der Mercedes Lima erzählte Tod des Vaters wird „lediglich ein Mord mehr  dieser Zeit“ (Gálvez Suárez).

 

Was der Autor Arnoldo Gálvez Suárez an diesem Abend unter Beweis gestellt hat, ist die Kraft der Literatur, Vergangenes darzustellen und aufzuarbeiten. Durch seine Texte – und deren Übersetzungen – wurden Einblicke in die düsteren Seiten der Lebenswelt Guatemalas gewährt. Sie haben Brücken erschaffen, die beim Überqueren dazu einladen, sich mit dem Ungemütlichen, mit der Gewalt zu konfrontieren.

 

Foto: Birte Fritsch