Buchtipps: Bücher mit besonders guten Verfilmungen

Die jährliche Verleihung der Oscars steht vor der Tür – eine ideale Gelegenheit für uns, euch eine Reihe beachtenswerter Literaturverfilmungen und ihre Vorlagen ans Herz zu legen.

Lili empfiehlt:
Das Parfüm – Die Geschichte eines Mörders

Retrospektiv erzählt wird die Lebensgeschichte von Jean-Baptiste Grenouille, der kurz vor seiner Hinrichtung steht. Sie beginnt mit seiner Geburt auf einem stinkenden Pariser Markt, auf dem der bestialische Gestank von Fischabfällen ihm den ersten Lebenslaut entlockt, mit dem er seine Mutter aufs Schafott bringt. Den verwaisten Säugling will niemand haben, denn etwas Sonderbares, fast Bösartiges haftet ihm an. Ihm fehlt jeglicher eigener Körpergeruch, was Unbehagen in den Menschen hervorruft und sie unbewusst misstrauisch macht. Diesem Mangel steht Grenouilles feiner, perfekter Geruchssinn gegenüber. Verkauft an einen Pariser Gerber steht dem Jungen der Sinn nur nach einem: Die große Stadt und seine Fülle an Gerüchen, Düften und Gestank. Als er dem exquisiten Duft eines Mädchens folgt, sie aufspürt, ermordet und erkennt, wie flüchtig Gerüche sind, wenn das Leben aus dem Träger weicht, beschließt er, alles über sie zu lernen, sie zu konservieren und der größte Parfümeur alle Zeiten zu werden. Die Stationen seines Lebens sind gepflastert mit Leichen.

Voller Spannung und Poesie erzählt Patrick Süskind eine mörderische Geschichte von Leidenschaft und Identität, von Menschlichkeit und Wahn. 2006 gelingt es Produzent Bernd Eichinger zusammen mit dem Wuppertaler Regisseur Tom Tykwer, Das Parfüm auf die große Leinwand zu bringen und an den Erfolg des Romans anzuschließen. Auch wenn die Handlung des Romans zu Gunsten der Verfilmung gekürzt und die Bösartigkeit Grenouilles weitgehend beschnitten wurde, wird einem ein bildgewaltiges, spannendes und teils schauriges Filmvergnügen geboten.

 

Lara empfiehlt:
A Clockwork Orange

1962 erschuf Anthony Burgess mit dem Roman A Clockwork Orange die dystopische Darstellung einer Welt, in der Jugendliche in kriminellen Gangs organisiert sind, zum Zeitvertreib brutale Raubüberfälle verüben und Freude an Vergewaltigungen finden. Die Gesellschaft, die sie umgibt hat deren Rücksichtslosigkeit schon längst akzeptiert. Der Anführer einer solchen Jugendbande ist der Protagonist Alex, der tagsüber die Schule schwänzt und abends mithilfe seiner Freunde, den sogenannten ‚Droogs‘, Straßen und Privathaushalte unsicher macht. Auf einem dieser Raubzüge erschlägt Alex eine Frau und wird von der Polizei gefasst, verurteilt und ins Gefängnis gesperrt. Dort angekommen erhält er die Möglichkeit einer drastischen Haftverkürzung, wenn er sich auf ein medizinisches Experiment einlässt, was sein Leben nachhaltig verändern wird. Nicht nur der von Burgess konstruierte, ‚Nadsat‘ genannte, Jargon, der eine Mischung aus russischen Vokabeln und Cockney Rhyming Slang ist, bildet ein kunstvolles Element des Buches. Auch die Beschreibung der exzentrischen Bekleidung der Gangmitglieder ist bemerkenswert und lässt die Figuren plastisch in der Vorstellung des Lesers entstehen.

Unvergessen bleibt die virtuose Inszenierung des Romans durch Stanley Kubrick. Darin übersetzt er auch kleinste Details der Buchvorlage originalgetreu auf die Leinwand und lässt so selbst die brutalsten Szenen nicht aus, was ihm bei der Veröffentlichung eine FSK-Einstufung von 18 Jahren einbrachte. Trotzdem wurde seine Verfilmung 1972 in den Kategorien „Regie“, „Bester Film“ und „Bestes Adaptiertes Drehbuch“ für den Oscar nominiert.
Aus dem Off kommentiert Alex als Erzähler das Geschehen, Kubrick fabriziert auf diese Weise Diskrepanzen zwischen dem Weltverständnis des Betrachters und dem des Protagonisten. Der im Film eingesetzten Musik kommt – wie auch schon in der Buchvorlage – eine zentrale Rolle zu:  Zahlreiche Schlüsselszenen sind mit Beethovens Symphonien unterlegt und die grausame Choreographie eines gewalttätigen Überfalls zu Singing in the Rain verhaftet sich nachhaltig im Gedächtnis des Zuschauers. Die Verfilmung von A Clockwork Orange ist auf faszinierende Art präzise, detailverliebt und eindrucksvoll, dabei schockierend und abstoßend zugleich.

 

Julia empfiehlt:
Requiem for a Dream

Nach seinem skandalträchtigen Roman Last Exit to Brooklyn (1964 erschienen, 1989 von Bernd Eichinger und Uli Edel verfilmt) schuf Hubert Selby Jr. 1978 mit Requiem for a Dream eine weitere schonungslose Darstellung scheiternder Existenzen: Die einsame Witwe Sara Goldfarb bereitet sich auf einen lang ersehnten Auftritt im Fernsehen mit Diätpillen vor, die ihr schließlich Halluzinationen, Paranoia und einen zunehmenden Realitätsverlust bescheren. Ihr Sohn Harry, seine Freundin Marion und sein bester Freund Tyrone wollen sich derweil mit Heroinhandel ein eigenes Geschäft finanzieren und verlieren sich in einer Abwärtsspirale – bis hin zu Prostitution und Gefängnisstrafen. Ungefiltert und detailreich beschreibt Selby, der selbst einige Zeit wegen Drogenmissbrauchs im Gefängnis verbrachte, die körperlichen, mentalen und sozialen Konsequenzen verschiedener Abhängigkeiten und schockierte damit einmal mehr seine Leserschaft.

Wesentlich bekannter als seine literarische Vorlage ist jedoch die mehrfach ausgezeichnete gleichnamige Verfilmung Darren Aronofskys aus dem Jahr 2000. Der für experimentelle Filme wie Black Swan oder mother! bekannte Regisseur visualisierte die drastischen Bilder des Romans mit revolutionären Kamera- und Schnitttechniken – und verwandelte ihn trotz der brutalen Thematik in ein bahnbrechendes Kunstwerk. Mitverantwortlich für seine Popularität war auch der mitreißende Soundtrack von Clint Mansell, dessen Hauptthema Lux Aeterna bis heute in zahlreichen Filmtrailern verwendet wird. Trotz des medialen Aufschreis angesichts der visuellen und emotionalen Brutalität galt der Film mit Jared Leto, Jennifer Connelly und Ellen Burstyn bereits kurz nach seinem Erscheinen als Kult. Liefert der Roman zwar eine wortgewaltige Grundlage, ist es doch die albtraumhafte Visualisierung Aronofskys, die den Horrortrip Hubert Selbys von der Masse unzähliger Drogenromane abhebt.

 

Nadine empfiehlt:
Geschichte deines Lebens/Arrival

Geschichte deines Lebens ist eine Erzählung, die Ted Chiang 1998 veröffentlichte und die ihm die bekannten Science-Fiction-Preise Nebula Award, Sturgeon Award sowie den Seiun Award einbrachte. 2002 erschien sie noch einmal im Kurzgeschichtenband Stories of your life and other, der allerdings erst 9 Jahre später auf Deutsch unter dem Titel Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes verlegt wurde. Die Geschichte befasst sich mit der Linguistin Louise Banks, welche nach der Landung mehrerer außerirdischer Objekte auf der Erde vom US-Militär damit beauftragt wird, Kontakt zu der fremden Spezies aufzunehmen. Gemeinsam mit dem Physiker Gary Donnelly und einem kleinen Team soll sie versuchen, mit den Außerirdischen zu kommunizieren. Doch wie verständigt man sich, wenn man nicht dieselbe Sprache spricht? Louise versucht das Unmögliche und muss feststellen, dass sich mit dem Erlernen dieser fremden Sprache auch ihre Gedankenstrukturen zu verändern scheinen.

2016 wurde Ted Chiangs Kurzgeschichte dann für Hollywood als Arrival verfilmt. Regie führte hier Denis Villeneuve, der auch an Maelstrom, Prisoners und zuletzt Blade Runner 2049 gearbeitet hat. In den Hauptrollen brillieren die preisgekrönten und mehrfach für den Oscar nominierten Schauspieler Amy Adams und Jeremy Renner. Auch wenn die Verfilmung für die Kinoleinwand wunderbar gelungen ist, muss gesagt werden, dass es kein typischer Science-Fiction-Film mit viel Action und Kämpfen ist. Villeneuve hat es geschafft, dass der Film tatsächlich seiner Buchvorlage recht treu bleibt und sich auf den (sprach)wissenschaftlichen Aspekt fokussiert. Dank der herausragenden schauspielerischen Leistung der Darsteller sowie der großartigen atmosphärischen Musik Jóhann Jóhannssons (Die Entdeckung der Unendlichkeit, mother!) ist ein intelligentes, beklemmendes und düsteres Szenario entstanden, das dem Zuschauer von Anfang bis Ende die Luft abschnürt.

 

Larissa empfiehlt:
The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit

„Mrs Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selber kaufen.“ Diesen berühmten ersten Satz ihres Romans Mrs Dalloway schreibt Virginia Woolf an einem Morgen des Jahres 1923 in einem Vorort von London nieder; im Los Angeles der 1940er Jahre findet die junge Hausfrau Laura Brown Trost in der Lektüre eben dieses Buches; und weitere fünfzig Jahre später macht sich die New Yorkerin Clarissa Vaughan, von ihrem besten Freund „Mrs Dalloway“ genannt, auf den Weg, um Blumen für eine Party zu kaufen. Michael Cunninghams 1998 erschienener, mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneter Roman The Hours, präsentiert einen Tag im Leben dreier Frauen, drei Schauplätze, drei Jahrzehnte, die durch Woolfs Meisterwerk Mrs Dalloway miteinander verbunden scheinen. Ihnen allen gemeinsam ist ein beklemmendes Gefühl des Gefangenseins und der Wunsch nach einem sinnerfüllten, selbstbestimmten Leben.

Basierend auf Cunninghams Romanvorlage schuf der britische Regisseur Stephen Daldry mit seiner gleichnamigen Verfilmung aus dem Jahre 2002 eine eindrucksvolle, atmosphärisch dichte Adaption des Werkes, die vor allem durch die unaufgeregt leise und doch starke, emotionale Darstellung der drei Hauptdarstellerinnen Nicole Kidman, Meryl Streep und Julianne Moore überzeugt. Untermalt von der imposanten Musik des Komponisten Philip Glass werden die verschiedenen Handlungsstränge miteinander verwoben, gleiten einem Bewusstseinsstrom ähnelnd nahtlos ineinander über und erzeugen so ein komplexes Gefüge. Daldrys Werk beginnt und endet mit Virginia Woolfs Selbstmord im Jahr 1941. Ihr Tod bildet die Rahmenhandlung und bestimmt den Grundtenor des Films, welcher die gefühlte Ausweglosigkeit der Protagonistinnen eindringlich darstellt und beim Zuschauer einen anhaltenden Nachklang erzeugt.

 

Kerstin empfiehlt:
Inherent Vice – Natürliche Mängel

Wenn Thomas Pynchon über Drogen schreibt, wird es schräg. Larry ‚Doc‘ Sportello, seines Zeichens zu gleichen Teilen Detektiv und Hippie in L.A., bekommt unerwartet Besuch von seiner Ex. Shasta, die sich seitdem mit einem reichen Immobilienmakler vergnügt, bittet Doc, die Frau jenes Maklers und ihren Liebhaber davon abzuhalten, den reichen Ehemann zu entführen und für unmündig erklären zu lassen. Widerwillig nimmt Doc den Auftrag an, nur um sich wenig später bis zum Hals in Problemen wiederzufinden: Shasta ist verschwunden, Doc steht unter dem Verdacht, den Leibwächter des Immobilienmaklers umgebracht zu haben und die Ermittlungen leitet seine Nemesis, Detective Lieutenant Bigfoot Bjornsen. Und das ist erst der Anfang.

Die Verfilmung von Paul Thomas Anderson (der eine Oscarnominierung für das beste adaptierte Drehbuch bekam) schafft es, die farbenprächtige aber verwirrende Atmosphäre des Drogen- und Surfermilieus der 70er Jahre einzufangen, wobei die Musik des Radiohead- Gitarristen John Greenwood zusammen mit einigen zeitgenössischen Stücken die ideale Untermalung bietet. Joaquin Phoenix spielt den ständig kiffenden Detektiv mit Bravour und auch die übrige Besetzung (Reese Witherspoon, Owen Wilson, Josh Brolin, um nur einige zu nennen) kann sich sehen lassen.

 

 

Lili empfiehlt:
Wer die Nachtigall stört

Es ist ein heißer und träger Sommer Anfang der 1930er Jahre in Maycomb, Alabama, als die heile und kindliche Kleinstadtwelt von Scout und Jem Finch ihre ersten Risse bekommt. Ihr Vater Atticus, ein gutmütiger und liberaler Anwalt, übernimmt den Fall des wegen vermeintlicher Vergewaltigung angeklagten Afroamerikaners Tom Robinson. Und dann ist da noch die unheimliche Geschichte von Boo Radley, dem verrückten Nachbarsjungen, der tagsüber von den Eltern im Haus angekettet wird und nur nachts nach draußen darf. Als die Lage im Fall Robinson sich zuspitzt, gleicht die Stadt einem Pulverfass und mehr als ein Leben ist in Gefahr.

Harper Lees Roman aus dem Jahr 1960 gehört schon lange zu den Klassikern der modernen amerikanischen Literatur. Spielerisch leicht und voller Zauber erzählt sie eine Geschichte vom Schwinden der Kindheit, von Loyalität und Aufrichtigkeit, aber auch von Diversität, Bigotterie und Rassismus.

Schon zwei Jahre nach dem Roman erschien Robert Mulligans Verfilmung mit Gregory Peck in der Rolle des Atticus Finch, sowie Mary Badham und Philip Alford als Scout und Jem, die für ihr damals geringes Alter unglaubliche Schauspielleistungen erbrachten. Der Film ist selten laut, wird dabei aber zu keiner Zeit langweilig, fast vollständig kann man in die Welt der Kinder eintauchen. Umso betroffener hinterlassen die Ereignisse des Films den Zuschauer. Der Rassismus, das Misstrauen gegenüber fremden Kulturen, oder die mangelnde Inklusion von körperlich oder geistig beeinträchtigten Mitmenschen, sowie das zweifelsfreie Recht auf einen fairen Gerichtsprozess, sind bis heute Themen, die über die letzten 50 Jahre nicht an Aktualität verloren haben. Wer also ein bisschen Zeit für einen wundervollen Film übrig hat, dem sei Wer die Nachtigall stört wärmstens ans Herz gelegt. Momentan kann er auf Netflix gestreamt werden.