Schöne neue Welt? Zukunftsvisionen in der Literatur

„Schöne neue Welt“ lautet der ironische Titel der weltbekannten Dystopie von Aldous Huxley – denn dort scheint zwar oberflächlich alles schön zu sein, doch tief im Inneren der Gesellschaft verbergen sich unzählige Probleme und Missstände. Ob die Zukunft eher rosig oder doch sehr düster wird, ist schwer einzuschätzen und wird von Autoren ganz unterschiedlich gehandhabt. Wir haben fünf Bücher für euch herausgesucht, die sich mit der Zukunft oder futuristischen Gegenwarten auseinandersetzen und das Mögliche in all seinen Facetten beleuchten.

 

Lara empfiehlt:
Andreas Eschbach – Die Haarteppichknüpfer

Aus den Haaren der Frauen und Töchter der Haarteppichknüpfer werden zu Ehren des elften Sternenkaisers Teppiche hergestellt. Ein einziger Teppich muss eine gesamte Familie eine Generation lang ernähren, denn jeder Knüpfer produziert in seinem Leben bloß ein Exemplar. Was die Ausübenden dieses merkwürdigen Handwerks nicht wissen, ist, dass auf anderen Planeten ein Krieg zwischen Kaisertreuen und Rebellen tobt, der ihr Leben maßgeblich verändern kann.

Andreas Eschbach versetzt seine Leser in die Welt der Haarteppichknüpfer, ohne eine zeitliche oder räumlich Einordnung der Handlung zu geben. Der Roman weist teils Fantasy-Elemente auf, teils wird hochentwickelte Technik beschrieben. So passiert es, dass Welten in einer mittelalterlichen Gesellschaftsordnung organisiert sind und ihre Bewohner eher primitiv leben, diese Planeten aber gleichzeitig einen Raumfahrthafen besitzen. Der Leser wird recht lang im Dunkeln belassen, die einzelnen Erzählstränge fügen sich Kapitel für Kapitel allmählich zusammen und ergeben schlussendlich ein faszinierendes wie unerwartetes Gesamtbild. Nicht umsonst wurde dieser Roman mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und stellt den Beginn von Eschbachs Bekanntheit als Science-Fiction-Autor dar.

Larissa empfiehlt:
Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten

Rückblickend erzählt die 31-jährige Protagonistin Kathy von ihrer Kindheit in Hailsham, einem idyllischen englischen Landinternat, und den gemeinsamen Erlebnissen mit ihren besten Freunden und Mitschülern Ruth und Tommy. Die Hailsham-Schüler verbringen eine scheinbar behütete Kindheit in dem abgeschiedenen Anwesen, werden von ihren Aufsichtspersonen umsorgt und wachsen mit der Gewissheit auf, etwas ganz Besonderes zu sein. Worin diese spezielle Aufgabe besteht, die alle Schüler erwartet und auf die sie akribisch vorbereitet werden, bleibt zunächst ebenso den Kindern wie auch dem Leser verborgen. Erst im Prozess des Erzählens rekonstruiert Kathy nach und nach ihre persönlichen Erinnerungen, die dezenten Andeutungen und Details, welche auf ihre Bestimmung hindeuten und sich schließlich auch für den Leser zu einem Ganzen zusammenfügen.

Ishiguros Roman beschwört keine genretypische, pessimistische Zukunftsvision herauf, ebenso wenig findet man explizite Beschreibungen wissenschaftlichen Fortschritts. Hailsham ist ein Ort, der in der Gegenwart angesiedelt ist, die dargestellten Geschehnisse könnten sich so oder ähnlich in unserer Welt ereignen. Umso erschreckender wirkt das entworfene Bild einer Gesellschaft, in der ethische und moralische Grundsätze außer Kraft gesetzt sind und in der Selbstbestimmung, Individualität, die menschliche Seele sowie Leben und Tod zu bedeutungslosen, funktionalisierten Kategorien werden.

Nadine empfiehlt:
Emily St. John Mandel – Das Licht der letzten Tage

Die Georgische Grippe beginnt genau dann zu wüten, als der Schauspieler Arthur Leander mitten in der Aufführung von König Lear auf der Bühne stirbt. Sie breitet sich rasant auf der ganzen Welt aus und lässt kaum eine Menschenseele am Leben. Zwanzig Jahre später zieht die fahrende Symphonie durchs Land, um die wenigen Überlebenden mit Musik und Theater zu begeistern und in der Hoffnung, alte Freunde oder Bekannte wiederzufinden.

Abwechselnd werden die alte Welt, wie wir sie kennen, so wie die postapokalyptische Welt, in der die Schausteller sich bewegen, dargestellt. In der Zukunft geht es, natürlich, auch ums nackte Überleben, denn nicht alle Menschen oder Gruppen, denen die Mitglieder der fahrenden Symphonie begegnen, sind friedlich gestimmt. Einen viel größeren Raum nimmt in diesem Roman allerdings der Zerfall von Zivilisation und Kultur ein, genauso wie das Vergessen der Geschichte. „Das Licht der letzten Tage“ ist eine sprachlich anspruchsvolle Postapokalypse, die sehr genreuntypisch ist und statt mit Zombies und Kannibalen mit vielen klugen Überlegungen auftrumpft. Poetisch, spannend, hoffnungsvoll und Augen öffnend: das Buch zeigt uns, wie zerbrechlich die Welt ist und welche Schönheit und welchen Komfort sie uns aktuell doch zu bieten hat.

Katia empfiehlt:
Stefano Benni – Terra!

Im Jahr 2039 kommt es zum 3. Weltkrieg, ausgelöst durch eine absolute Absurdität. Im Laufe der Jahre folgen weitere atomare Katastrophen, die die Erde zu einem nicht lebensfreundlichen Ort machen. Das Leben auf der zerstörten Erde besteht u.a. aus Nahrungs- und Energieknappheit, Platzmangel und lebensgefährlicher Bespaßung der Menschen, um sie ruhig zu halten. Stefano Benni beschreibt mit seiner humoristischen und absurden Art die postapokalyptische Erde im Jahre 2157. Die Sineuropäische Föderation, mit Sitz im mittlerweile eisigen Paris, bekommt eine Videobotschaft von einem Weltraumabenteurer, der einen Planeten entdeckt hat, der der alten nicht zerstörten Erde gleicht. Der Abenteurer überlebte das Ganze allerdings nicht, weshalb die Föderation sechs Abenteurer auf eine Weltraummission schickt, um sich auf die Suche nach einem neuen, lebensfreundlichen Planeten zu begeben. Dabei stoßen die Helden auf allerlei skurrile Welten und Lebewesen, doch gilt die Suche einzig und allein dem erdähnlichen Planeten namens Erde 2.

Stefano Benni erschuf im Jahre 1983 den italienischen humoristischen Science Fiction Roman mit einer dystopischen Ader. Es handelt sich um sein erstes Science Fiction Werk. Eine Neuauflage der deutschen Übersetzung ist im Jahr 2017 erschienen. Benni kritisiert dabei, trotz seiner sehr eigenen humorvollen Art, viele Geschehnisse und Gegebenheiten, die sich auch heute finden und hinterfragen lassen und zeigt die Ängste der Menschheit sowie die lauernden Gefahren in der menschlichen Zivilisation auf. Zudem macht er deutlich, wie sehr die Natur und unsere Erde geschätzt werden sollten.

Julia empfiehlt:
J.G. Ballard – High-Rise

In einem riesigen Hochhaus genießen 2000 Menschen ein luxuriöses Leben: Sie haben Schulen, Supermärkte, Schwimmbäder und alles, was das Herz ansonsten begehrt unter dem eigenen Dach. Auch der junge Arzt Robert Laing nimmt sich eine Wohnung im 25. Stock – über Familien mit Kindern, aber unter den Penthäusern der prominenten Bewohner und dem geheimnisvollen Architekten, der die oberste Etage bewohnt. Zwischen exzessiven Partys und skurrilen Begegnungen mit seinen exzentrischen Nachbarn verliert Laing zunehmend den Kontakt zur Außenwelt. Es dauert jedoch nicht lange, bis die ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen unter den in Stockwerken aufgeteilten Gesellschaftsschichten die perfekte Fassade des schaurigen Mikrokosmos erschüttern – bis schließlich die totale Anarchie herrscht.

James Graham Ballard schuf mit dem Gesellschaftsmodell „High-Rise“ (1975) nach „Crash“ (1973) und „Concrete Island“ (1974) den Abschluss seines Dystopien-Zirkels. Das Hochhaus symbolisiert sowohl die Gefahr sozialer Hierarchien, als auch das Abschotten der Konsumkultur von der realen Welt. Der Roman erschien 1982 erstmalig auf Deutsch unter dem Titel „Der Block“, 1992 neu übersetzt als „Hochhaus“ und 2016 in neuer Auflage mit dem Titel „High-Rise“ – passend zur gleichnamigen bildgewaltigen und atmosphärisch-düsteren Verfilmung mit Tom Hiddleston in der Hauptrolle und einem großartigen Soundtrack von Clint Mansell.