Benvenuti alla Pensione Schöller: Das Schauspiel Wuppertal kann auch Komödie

Klapproths (Stefan Walz) Albtraum wird wahr: Professor Bernhardy (Konstantin Rickert) taucht bei ihm und seiner Schwester Ida (Lena Vogt) auf. Foto: Uwe Schinkel

von Julia Wessel

„Francesco!“ Das Publikum der Premiere von „Pension Schöller“ braucht einen Moment der Orientierung, denn die gerufene Kellnerin Franziska trägt nicht nur Männerkleidung, sondern verfügt, nebst majestätischem Schnurrbart und buschigen Augenbrauen, wie auch ihre Kollegen über einen breiten italienischen Akzent. Die Inszenierung Alexander Maruschs verortet das namensgebende Etablissement der mehrfach verfilmten Komödie von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby nicht wie erwartet nach Berlin oder in eine andere deutsche Großstadt, sondern über die Dächer Roms. Vor einer Kulisse aus Dachterrassenpanorama, Cinzano-Leuchtreklame und stereotypischer Schwarzweißfilm-Akkordeonmusik entfaltet die Pension Schöller ihren ganz normalen Wahnsinn. Mit der Premiere am vergangenen Samstag brachte das Wuppertaler Schauspielensemble pünktlich zur Hälfte der Spielzeit nach Shakespeares „Der Sturm“ die zweite große Produktion auf die Bühne des Opernhauses – und bescherte den zahlreichen Zuschauern beste Unterhaltung mit zeitgemäßem Humor und schauspielerischen Glanzleistungen.

Philipp Klapproth, der Inbegriff gutbürgerlicher Überheblichkeit, möchte in seinem Herrenhaus eine Nervenheilanstalt eröffnen, denn „bald wird es nur noch Verrückte und Alte geben“. Um sich eine Vorstellung dessen zu machen, was ihn dabei erwartet, bittet er seinen Neffen, ihm Zugang zu einer solchen Einrichtung zu verschaffen. Angewiesen auf die Gunst des Onkels schickt der ratlose Alfred ihn auf Franziskas Vorschlag hin in die Pension Schöller, deren Gäste in ihrer Exzentrik ganz Klapproths Vorstellungen einer Bande Verrückter entsprechen. Voller Freude über die angetroffenen Gestalten steigt er in deren vermeintliche Phantasien ein, liefert der lasziven Schriftstellerin Josephine Zillertal eine haarsträubende Familiengeschichte für ihren neuen Roman, schmiedet Pläne mit dem weltreisenden Professor Bernhardy und legt sich mit dem missmutigen Kriegsveteran von Mühlen an – nicht ahnend, dass diese „Irren“ nach der Rückkehr in sein ländliches Idyll zu Besuch kommen werden, um die Gespräche fortzusetzen.

Anarchie und Albtraumkomik

Erstmalig in dieser Spielzeit ist die gesamte Stammbesetzung des Ensembles auf der Bühne versammelt. Die Darsteller scheinen sich in der Haut der bis zum Äußersten überzeichneten Figuren sichtlich wohl zu fühlen und veranstalten ein wahres Feuerwerk der Anarchie: Der neugierig-poltrige Klapproth ist Stefan Walz wie auf den Leib geschrieben, während Philippine Pachl sich als Josephine Zillertal die Seele aus dem Leib stöhnt und haucht. Konstantin Rickert stürmt in Gestalt des Professors und Löwenbezwingers waffenschwingend mit umherhuschenden Augen und großen Geschichten über die Bühne. Miko Grezas stechender Blick bringt den ehemaligen General hinter der verlebten Fassade zum Vorschein. Das energisch-biedere „Philipp!“ von Lena Vogt geht durch Mark und Bein und Alexander Peilers nervöse Ticks machen das Publikum selbst ganz unruhig. Schauspielintendant Thomas Braus schließlich gibt ein herzergreifendes Pfeifkonzert zum Besten, um im nächsten Moment wie der leibhaftige Nosferatu um die gewaltige, smaragdgrüne Sofagarnitur zu schleichen, die neben dem hintergrundfüllenden Rompanorama als Bühnenbild dient. Unangefochtener Publikumsliebling jedoch bleibt bis zuletzt Martin Petschan, dessen Interpretation des angehenden Schauspielers Eugen mit seinem charmanten Sprachfehler („Othenno! Das ist eine tonne Ronne von mir!“) und seiner hilflosen Körperkomik immer wieder für Zwischenapplaus und herzliches Gelächter sorgt.

Mit rasanten Dialogen, teils herrlich flachen Witzen und wiederkehrenden Slapstick-Einlagen unterhalten die collageartig zusammengesetzten Begegnungen der Gäste mit Klapproth und untereinander ununterbrochen auf hohem Niveau. Dass das Stück dem Ensemble offensichtlich ebenso viel Freude bereitet wie den Zuschauern trägt maßgeblich dazu bei, dass die knappen zwei Stunden wie im Flug vergehen. Das unheilvolle Aufeinandertreffen in Klapproths Heimat schließlich ist an Skurriliät kaum zu überbieten, begleitet von düsterem Licht, Donnerschlägen und einem raffinierten Umbau des samtenen Bühnenbildes (Gregor Sturm), das eifrig beklettert, umrundet und effektvoll geöffnet und geschlossen wird – ganz im Dienst der stückeigenen körperlichen Komik. Mit den Worten des italienischen Schöller: „Koostlich, dieser Humor, kooostlich!“

Pension Schöller
Die Schriftstellerin Josephine Zillertal (Philippine Pachl) begegnet dem angehenden Schauspieler Eugen (Martin Petschan). Foto: Uwe Schinkel

Wenn Wahnsinn zur Normalität wird

Neben der altbekannten Kontrastierung des urbanen und ländlichen Lebens steht vor allem eine Frage im Mittelpunkt der Inszenierung: Wer entscheidet eigentlich, was normal ist und was nicht? Sicher nicht Philipp Klapproth, der zunächst das Monopol auf Normalität für sich beansprucht, unter der Belagerung der Pensionsgäste schließlich jedoch selbst nahezu den Verstand verliert. Bissige Kommentare über Ausländer und „Homos“, die Klapproth ganz nebensächlich bei den Verrückten der Großstadt einreiht, werfen einmal mehr die politische Aktualität der eigentlich inhaltsleeren Kategorien „normal“ und „abnormal“ auf – ein Begriffspaar, das sich lediglich über die Negation des jeweils anderen definieren lässt. Die gnadenlose Überzeichnung der Figuren – immer bis knapp an den Rand der Albernheit, aber selten darüber hinaus – lässt jedoch keine Frage nach einer Trennung von Normalität und Wahnsinn zu. Gemäß dem aktuellen Spielzeitmotto „Alles Spiel?“ erschafft die klischeeitalienische Darstellung die Pension Schöller als künstliche Welt, in der alle Regeln von Norm und Abweichung aufgehoben sind. Hier lebt jeder seine ganz eigene Normalität, die nur vom hohen Ross des „Normalbürgers“ wie Wahnsinn erscheint.

Alexander Maruschs Inszenierung rückt die angestaubte Stadt-Land-Thematik ganz ohne moralischen Zeigefinger erfolgreich ins Licht aktueller anti-liberaler Tendenzen und weiß bestens zu unterhalten – nicht zuletzt dank des großartigen Wuppertaler Ensembles. Nach dem verdienten Schlussapplaus lädt Thomas Braus nach herzlichen Danksagungen an die Teams hinter den Kulissen des Stücks zur Premierenfeier ins Kronleuchterfoyer. Als Teil der Band Philis Virgos stellt Philippine Pachl auch ihr gesangliches Talent unter Beweis, während Konstantin Rickert mit Beatboxing begeistert. Der außergewöhnliche Sound und das lebendige Treiben mit klirrenden Gläsern unter dem Kronleuchter bilden einen fröhlich-feierlichen Abschluss einer rundum gelungenen Premiere.

Heute Abend findet ein Rosenmontags-Spezial von „Pension Schöller“ mit anschließender Live-Musik statt, zu dem die Zuschauer gern verkleidet erscheinen dürfen.

„Pension Schöller“ von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby
Bearbeitung von Jürgen Wölffer

Termine (alle im Opernhaus):

Mo. 12. Februar 2018 19:30 Uhr (Rosenmontags-Spezial mit anschließender Live-Musik im Kronleuchterfoyer)
Sa. 17. Februar 2018 19:30 Uhr
So. 25. Februar 2018 18:00 Uhr
Mi. 07. März 2018 19:30 Uhr
Sa. 17. März 2018 19:30 Uhr
So. 15. April 2018 16:00 Uhr
Sa. 21. April 2018 19:30 Uhr
Fr. 27. April 2018 19:30 Uhr
So. 24. Juni 2018 16:00 Uhr
Mi. 04. Juli 2018 19:30 Uhr

Inszenierung: Alexander Marusch
Bühne & Kostüme: Gregor Sturm
Musik: Christian Kuzio
Dramaturgie: Barbara Noth
Dramaturgieassistenz: Elisabeth Wahle
Regieassistenz: Barbara Büchmann
Inspizienz: Charlotte Bischoff
Hospitanz: Sarah Weidner

Besetzung:

von Mühlen, Major a.D.: Miko Greza
Franziska Schöller, Tochter von Schöller: Julia Reznik
Josephine Zillertal, Schriftstellerin: Philippine Pachl
Prof. Bernhardy, weltreisender Wissenschaftler: Konstantin Rickert
Alfred Klapproth: Alexander Peiler
Ida Klapproth: Lena Vogt
Philipp Klapproth: Stefan Walz
Schöller, Inhaber der Pension Schöller: Thomas Braus
Eugen, angehender Schauspieler und Mündel von Schöller: Martin Petschan